Interview "Doulas und Hebammen haben ein gemeinsames Ziel"

Kerstin Vaziri vom GFG-Bundesverband in Berlin.
Kerstin Vaziri vom GFG-Bundesverband in Berlin. © Foto: Privat
Landkreis / CHRISTINE HOFMANN 15.02.2013
Die Gesellschaft für Geburtsvorbereitung, Familienbildung und Frauengesundheit (GfG) bietet eine zertifizierte Weiterbildung zur Doula an.

Doulas sind in Deutschland recht unbekannt. Wie viele gibt es?

KERSTIN VAZIRI: Zertifizierte GfG-Doulas gibt es inzwischen bundesweit etwa 50. Die Tendenz ist jedoch steigend.

Worin unterscheiden sich die Aufgaben einer Doula von denen einer Hebamme?

VAZIRI: Eine Doula ersetzt weder Hebamme noch Geburtshelfer, sie übernimmt keine medizinische Funktion und kann sich daher ganz auf die Bedürfnisse der Frau konzentrieren. Während der Wehenphase wird die Gebärende von ihrer Doula ohne Schichtwechsel begleitet und betreut.

Wie reagiert das Klinikpersonal auf die Anwesenheit einer Doula im Kreißsaal?

VAZIRI: Das ist unterschiedlich. Da das Konzept der Geburtsbegleitung durch eine Doula sich hierzulande erst langsam etabliert, bestehen zum Teil noch Vorbehalte seitens der Geburtshelfer in den Kliniken. Diese lösen sich meist auf, nachdem eine Geburtsbegleitung durch eine Doula erlebt wurde. Denn eigentlich haben Hebammen und Doulas ein gemeinsames Ziel: das Erlebnis der Geburt für Frauen so sicher und so schön wie möglich zu machen.

Welchen Einfluss hat eine Doula auf den Geburtsverlauf?

VAZIRI: Einen sehr positiven. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die kontinuierliche Begleitung durch eine Doula während der Geburt die Kaiserschnittrate, die Geburtsdauer, die Verabreichung von Wehenmitteln, die medikamentöse Schmerzbekämpfung, den Einsatz der Geburtszange und die Nachfrage nach einer Periduralanästhesie signifikant reduziert. Außerdem zeigte sich, dass nach einer Geburt mit Doula wesentlich mehr Babys voll gestillt wurden und weniger Ernährungsprobleme auftraten. Psychologische Tests zeigten bei den Müttern weniger innere Unruhe oder Anzeichen von Depressionen, aber mehr Zufriedenheit in der Partnerschaft.

Dann sollte es eine Doula wohl am besten bei jeder Schwangerschaft auf Rezept geben, oder?

VAZIRI: Wären die mit einer Doula erzielten Ergebnisse mit einem Medikament oder einem neuen Apparat zu erreichen, dann gäbe es eine ungeheure Nachfrage nach dieser Neuerung. Aber leider entspricht die Doula noch nicht der medizinischen Lehrmeinung.

Wie wird man eigentlich Doula?

VAZIRI: Wichtige Voraussetzungen sind ein Mindestalter von 30 Jahren, die Erfahrung mindestens einer eigenen Geburt, körperliche und seelische Belastbarkeit, Durchhaltevermögen und Zuverlässigkeit. Denn zur eigentlichen Begleitung der Geburt gehört jeweils auch die Rufbereitschaft bis zum Geburtstermin. Die Weiterbildung bei der GfG umfasst einen Orientierungstag, acht Wochenendseminare und einen Termin zur Praxisreflexion. Um das Zertifikat zu erhalten, müssen unter anderem fünf Geburten, zum Beispiel im Rahmen eines Kreißsaalpraktikums, miterlebt werden.