Totensonntag „Die jüngsten Ereignisse geben größten Anlass zur Sorge“

Der Tiefenbacher Ortsvorsteher Freidrich Lober unterstützt seine Rede mit Gesten. Hinter ihm steht der Liederkranz Tiefenbach, der mit dem Posaunenchor die Gedenkveranstaltung musikalisch gestaltet hat.
Der Tiefenbacher Ortsvorsteher Freidrich Lober unterstützt seine Rede mit Gesten. Hinter ihm steht der Liederkranz Tiefenbach, der mit dem Posaunenchor die Gedenkveranstaltung musikalisch gestaltet hat. © Foto: Guido Seyerle
Guido Seyerle 21.11.2016
Am Ehrenmal auf dem Tiefenbacher Friedhof schlägt Friedrich Lober den Bogen der Geschichte ins Heute. Seine Worte dienen als Mahnung.

Wir trauern um die Opfer von Krieg und Gewalt. Aber wir sind auch verpflichtet, mehr zu tun als andere. Die jüngsten Ereignisse in unserem Land geben größten Anlass zur Sorge, dass viel zu viele aus der Geschichte nichts gelernt haben.“ Friedrich Lober schaut kurz auf. „Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind nicht mehr nur auf dem Vormarsch. Sie scheinen langsam salonfähig zu werden.“

Einige der 120 Zuhörer am Sonntagvormittag auf dem Friedhof in Tiefenbach nicken. Der Tiefenbacher Ortsvorsteher schlägt im letzten Teil seiner Ansprache zum Totensonntag den Bogen aus der Geschichte ins Hier und Heute. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren weltweit fast 65 Millionen Tote zu beklagen, die meisten davon Zivilisten. 60 Millionen Menschen waren entwurzelt, auf der Flucht oder deportiert. „Diese Zahlen übersteigen unsere Vorstellungskraft“, sagt Lober. „In der Geschichte kann man nicht auf den Reset-­Knopf drücken und bei null anfangen – ganz im Gegenteil.“

Während die Spätherbst-Sonne durch die hohen Bäume auf dem Friedhof blinzelt, sorgt der kühle Vormittagswind für leichtes Frösteln. Lober wird deutlich: „Wenn wir sehen, mit welcher Erbarmungslosigkeit und mit welchem Hass Menschen anderer Herkunft, anderen Glaubens oder einer anderen Ethnie ausgegrenzt, geschmäht und physisch attackiert werden, und dies häufig in aller Öffentlichkeit, dann muss uns das beschämen und ­wütend machen, dann sind wir alle zum Handeln aufgefordert.“ Gebannt hören die Besucher zu. Die Ursachen für dieses Verhalten seien vielfältig, sagt Lober, aber die Muster seien erschreckend ähnlich: „Damals wie heute sind es neben fehlender Empathie und kleinbürgerlicher Enge auch Geschichtsvergessenheit auf der einen und Geschichtsversessenheit auf der anderen Seite, die den Nährboden für die giftigen Blindtriebe bilden.“

Der Blick fällt auf zwei Mitglieder des Liederkranzes Tiefenbach, die mit einem Kranz bereitstehen, während Lober Luft holt: „Nutzen wir die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, damit wir uns unserer Werte versichern, damit wir Orientierung finden, damit wir solidarisch und in Verantwortung miteinander und füreinander handeln: nicht irgendwann, sondern hier und heute.“ In aller Stille wird der Kranz niedergelegt, nur die Blätter wispern im Wind.