Auszeichnung „Des hast guad gmacht, Bua“

Aufrüttelnd, informierend, gesellschaftlich wertvoll: Thilo Pohle (Mitte) gilt als Gesicht des Projekts, die Auszeichnung gebührt allen Beteiligten.  Foto: Melanie Scheuenstuhl
Aufrüttelnd, informierend, gesellschaftlich wertvoll: Thilo Pohle (Mitte) gilt als Gesicht des Projekts, die Auszeichnung gebührt allen Beteiligten. Foto: Melanie Scheuenstuhl © Foto: Foto: Melanie Scheuenstuhl
Rothenburg / Melanie Scheuenstuhl 20.10.2016
Thilo Pohle und dessen Dokumentarfilmgruppe bekommen in Rothenburg ob der Tauber den Gottlob-Haag-Ring überreicht. Passend dazu wird die Laudatio in Mundart gehalten.

Der innere Kritiker streckte seine Waffen, er hisste die weiße Flagge“, kommentierte Mundartdichter Manfred Kern seine Entscheidung, Thilo Pohle und dessen engagierte Dokumentarfilmgruppe als nächste Träger des Gottlob-Haag-Rings auszuwählen. Es konnten einfach keine verdienteren Nachfolger gefunden werden. In einer Feierstunde wurde die schmückende Kulturauszeichnung im Rokokosaal des Wildbads in Rothenburg ob der Tauber übergeben.

„Des hast guad gmacht, Bua“, wäre wohl Gottlob Haags Lob für seine Wahl gewesen, ist sich Manfred Kern sicher, der ganz im Sinne der Auszeichnung seine Rede in Mundart hielt. Thilo Pohle war Manfred Kerns Deutschlehrer. Mit viel Feinsinn habe Thilo Pohle gemerkt, dass in dem Jungen „ein Pflänzchen keimt, das Licht und Schutz brauchte“ – und das bekam er von ihm. Mit der Verleihung des Gottlob-Haag-Rings hätte er jetzt seinem einstigen Unterstützer etwas zurückgeben können. Der Kreis hätte sich geschlossen. Aber das Schmuckstück werde nicht „aus Dankbarkeit, sondern für Leistung“ überreicht, meldete sich Manfred Kerns innerer Kritiker zu Wort.

Dass Thilo Pohle ihm im Laufe seiner Schulzeit die eine oder andere Eins beschert hatte, kann allerdings nicht wirklich als kulturelle Leistung betrachtet werden. Also galt es Thilo Pohles Lebenswerk außerhalb des schulischen Pflichtprogramms unter die Lupe zu nehmen.

Es gibt wohl nur wenige Menschen, die die Werke der Dokumentarfilmgruppe um Thilo Pohle nicht als aufrüttelnd, informierend, gesellschaftlich wertvoll bezeichnen würden. Doch auch hier mahnte der innere Kritiker Manfred Kern zur Sorgfalt: „Verlasse dich nicht auf das Urteil von anderen.“ Deshalb schaute sich Manfred Kern, nach einem zweitägigen Treffen mit Thilo Pohle in seiner Heimat Coburg, dessen Brettheim-Film „Als der Frieden schon so nah war!“ an.

„Dieser Film zeigt, wie man sich verrechnen kann, wenn die Prämissen nicht stimmten“, erklärte er. Die „Verblendung und Engstirnigkeit“ der letzten Kriegstage, die die jungen Leute in diesem Film ans Tageslicht bringen und dokumentieren, qualifizieren seiner Meinung nach das Werk zu einem Pflichtprogramm für die jüngste Generation: Der Film komme aus der Schule und soll in die Schulen zurück, so Manfred Kerns Überzeugung. „Thilo, da habt ihr den Ring“, gab der Mundartdichter das freundschaftlich-lockere Signal für die offizielle Übergabe. Sichtlich berührt nahm Thilo Pohle das Kästchen entgegen; Mitglieder der Dokumentarfilmgruppe dabei stets an seiner Seite.

Denn das ist Thilo Pohle besonders wichtig: Auch wenn er als Gesicht des Projekts gilt, die Auszeichnung gebührt allen Beteiligten, die sich seit vielen Jahren mit Akribie, Kreativität, Feingefühl und Sorgfalt drängenden historisch-gesellschaftlichen Fragen widmen. In seiner Dankesrede findet sich deshalb auch nur selten das Wörtchen „ich“. Mit der Übergabe des Ehrenrings kehre man „wieder an den Ausgangspunkt in Baden-Württemberg zurück“, so Thilo Pohle. Dort wurde vor 35 Jahren in Brettheim der Grundstein für eine „Filmreise rund um die Erde gelegt“. „Eine Dorfgeschichte reiste buchstäblich um die Welt, immer begleitet von Filmschülern“, erinnert sich der pensionierte Pädagoge.

Und heute ehren Gottlob Haag und seine Freunde aus Baden-Württemberg eine bayerische Schule – eine weitere „einmalige“ Erfahrung für die Filmgruppe. Es passt perfekt, dass der Überbringer des Rings ein Grenzgänger sei, „wie die Filmgruppe in den vergangenen 35 Jahren“, so Thilo Pohle. Manfred Kern habe „in bewegender Weise als Nachkriegskind die Folgen einer familiären Auseinandersetzung mit einem Vater der Kriegsgeneration“ erlebt. „Keiner ist deshalb auch glaubwürdiger und kompetenter“, so der neue Preisträger, „die Leistungen der Realschüler zu beurteilen“, denn auch die Geschichte der Filmgruppe sei eine permanente Auseinandersetzung mit dem Erinnern und dem Verschweigen.

Nächstes Filmprojekt: Indien

Als Dank für die Auszeichnung stellten die Dokumentarfilmschülerinnen Andrea Knäulein, Jessica Melliti, Tina Leyh, Antonia Wanderer und Kerstin Schmidt eine Auswahl von fünf Filmen aus dem Zeitraum von 1982 bis 2016 vor. „Das schönste Kompliment für unsere Arbeit war, dass Sie nach den Ausschnitten nicht applaudiert haben“, dankte Thilo Pohle dem Publikum.

Das nächste Projekt, auf das sich die Filmgruppe freut, ist ein Film, den indische Jugendliche drehten. Darin interviewten sie Kinder und Jugendliche verschiedener Herkunft, die auf dieselbe Schule gingen. Selbst Experten für das indische Kastenwesen konnten nicht erkennen, welches Kind aus welcher Kaste stammte.

Der Film zeige beeindruckend, so Thilo Pohle, dass bei „gleicher Bildungschance alle Inder gleich intelligent, gleich kreativ und gleich liebenswert“ sind. Drei Jahre hat er nun Zeit, sich Gedanken über einen Nachfolger zu machen. Er wüsste schon einen würdigen Kandidaten, lässt er wissen. Doch noch sei die Entscheidung offen.

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