Crailsheim / Ralf Snurawa Was geschieht, wenn die Buchstaben einen verlassen? Wie bringt man die Zunge aus der Dressingflasche? Dinge, die diesen Poetry-Slam bewegen.

Acht Poeten traten am Freitagabend in einer wieder einmal von Michael Jakob moderierten Veranstaltung im Hangar gegeneinander an, mehr als 300 Zuhörer waren begeistert. Etwas hintersinnig, aber in der Präsentation zu zurückhaltend erschienen Andi Valents Gedanken über „Warum gibt es Kunst?“. Da half auch die in Dosen verpackte „Künstlerscheiße“, Piero Manzonis „Artist’s Shit“, dem Mannheimer nicht weiter, oder Malewitschs „Schwarzes Quadrat“.

Moritz Konrad aus Karlsruhe stach Valent mit seinem mit „Lieber Sebastian“ überschriebenen Text über ein Ereignis während eines Schulausflugs aus: über Sex in einem Stockbett, genauer oben im Stockbett. Er sei derjenige, der unten in dem Bett gelegen habe, also im „Passivraum der sexuellen Belästigung“. Mit Knoblauch wolle er das künftig bekämpfen.

Poesie Poetry-Slam: Acht Wortkünstler auf der Bühne

Aufregung beim Poetry-Slam fast schon gespielt

Eine ähnlich gute, fast schon gespielte Aufregung erlebte das Publikum im ersten Durchgang mit Daniel Wagners „Ein Deutscher kommt nach Hause“. Ein Text über deutsche Fortschrittlichkeit und Vorurteile, schickte er voraus. Angefangen mit der Kaffeekapselmaschine sinnierte Wagner über das Schließen der örtlichen Bäckerei wegen Aufbackbrötchen bis zur elektrischen Zahnbürste, um im Werbungsirrsinn der heutigen Zeit zu enden: etwa bei „Red Bull“-Fußballvereinen. Über Slogans für die AfD als „Fortschrittspartei“ wie „Bikini statt Burka“ gelangte er zum Schluss: „Wir lernen aus der Geschichte, dass wir vielleicht nichts aus der Geschichte gelernt haben.“

Die Berlinerin Franzi Lepschies setzte sich ebenfalls mit Rassismus auseinander. Beim Blick auf ihre eigene Vergangenheit hielt sie fest, dass sich ihr als Tochter eines Bulgaren das Gefühl vermittle, man sei das Fremde und das Fremde schlecht. Man müsse aufstehen „für Freiheit, gegen Unrecht und Menschen voller Hass“.

Das Trio „Textpistols“ erfreut die Gäste in der Geislinger Rätsche mit zugespitzten, ironischen, klugen Texten und aberwitzigen „Trialogen“ – und erweckt Fantasien von behaarten, eingeölten Männern.

Mehr in den persönlichen Bereich gingen andere. Jasmin Sell aus Bochum legte ihrem Text ihr Dasein als über 30-jährige Single-­Frau zugrunde. Viel zu viele Männer sähen die Frau als „Übergangsobjekt“, das gegen eine folgsame „olle Schrulle“ eingetauscht werden könne.

Dennis Nachtigall schaute auf den „Missmenschen“ und auf das Leben – und was man in seinem Leben will. Denn: „Das Leben ist kein Konjunktiv, und ich bin kein Held.“ Und vielleicht hätte er seiner Großmutter noch zu deren Lebzeiten sagen sollen, wie gern er sie habe.

Eine Teilnehmerin aus der Region

Julia Fruth aus Lobenhausen, und damit leider einzige Teilnehmerin aus der Region, berichtete über ihr Studium in Frankfurt am Main und das Referat über Nebukadnezar. Was einem da alles in den Sinn und unter die Augen komme: das Rammstein-Poster, die Geige in der Ecke, das Bücherregal und das Beinahe-Nichts im Kühlschrank, ein fünf Jahre altes Sushi und eine nicht leere Salatdressingflasche ausgenommen. Doch was tun, wenn dann die eigene Zunge in deren Öffnung feststeckt?

Tom Candussi aus Graz beschränkte sich im gewitzt und spielerisch interpretierten „Mimimi in Rimini“ auf das „I“ als einzigen Vokal im Text. Das brachte ihn ins Finale, das er mit Auslassungen von Buchstaben bestritt. Da wird etwa Emily zu Emil und die Yacht des Bürgermeisters zur Acht. Und nur dieses Ypsilon kehrt am Ende nicht mehr zurück ins Dorf, sondern ertränkt sich wegen seines Daseins als „Transletter“, der lieber Vokal als Konsonant wäre, im See.

Der Poerty Slam in der vollen Kreissparkasse amüsierte die Zuhörer und brachte zwei Siegerinnen hervor.

Dem hielt Moritz Konrad, am Ende Zweiter, erfolgreicher seine „Dinge, die ich an Nachhaltigkeit scheiße finde“ entgegen. Da stellte er die Ökobilanz von Bio-­Gemüse ebenso infrage wie das Schönsaufen des Waldes mithilfe von „Krombacher“-Bier. Vieles, wie den Einkauf im Bioladen, mache man doch nur für das gute Gewissen. „Das ist eine Art von Ablasshandel.“

Dieselverbot für Diesel-Jeans

Daniel Wagner, am Ende Sieger des fünften Crailsheimer Poetry-­Slams, hielt eine Bewerbungsrede für die Kandidatenwahl zur Kommunalwahl in „Die Partei“ und listete einige seiner über 7000 Punkte auf. Träger von Diesel-­Jeans erhalten da auch ein Dieselverbot. Wagner plädierte für den „lückenlosen Übergang von Bafög zur Rente“. „Always Ultra“ solle es für „Fußballhooliganinnen“ geben und Großbritannien nicht nur aus der EU, sondern gleich aus der Erde austreten.

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