Stadtrundgang „Da liegen schöne Flecken im Dornröschenschlaf“

Birgit Trinkle 07.10.2017

Noch ist die blühende, goldene Zeit, wissen Garten- und Poesiefreunde gleichermaßen, noch sind die Tage der Rosen. Ein gut gewählter Zeitpunkt also für die Begehung städtischer Grünanlagen und dafür, sich einige grundsätzliche Gedanken zu machen zum Crailsheimer „Grün“.

In früheren Jahren war an diesem Tag oft zu einem Gang durch die Wälder eingeladen worden: „Da wär’s nicht so nass“, befanden die sturmumtosten Stadträte, „dafür wird man in der Stadt nicht vom Baum erschlagen.“ Unter anderem der mit dem Grünwesen betraute Stephan Brendle und Baubürgermeister Herbert Holl führten Mitglieder des Gemeinderats und der Stadtverwaltung zu mehr oder weniger bekannten Grünflächen, von denen einige im Dornröschenschlaf lägen, die es verdient hätten, erweckt zu werden.

Grün für alle Lebensstationen

Neben den klassischen Grünanlagen ist das Straßenbegleitgrün zu planen und zu pflegen, der Sommerflor, die Stauden an den Stadteingängen, dann alles, was mit Daseinsvorsorge zu tun hat, also 116 Bolz-und Spielplätze, die Friedhöfe, die naturschutzrechtlichen Ausgleichsmaßnahmen.

Erste Station war der Ehrenfriedhof, in dessen Umfriedung über 330 000 Menschen zu Grabe getragen wurden. Brendle und Holl freuten sich, dass neben traditionelleren Bestattungsformen mittlerweile auch Rasengräber und vor allem Baumbestattungen angeboten werden; die enorme Nachfrage zeige, dass dies der richtige Schritt gewesen sei. Brendle sprach hier, aber auch später auf dem Schlossplatz, über Großbaumverpflanzungen und Jungbaumpflege, über Lichtraumprofil und vor allem über die spürbaren Folgen des Klimawandels, die den ohnehin großem Stress ausgesetzten Stadtbäumen sehr zu schaffen machten. Brendle: „Bäume, die früher hier funktionierten, haben keine Chance mehr.“ Und wo ein junger Baum früher drei Jahre lang gegossen wurde, müssten heute mindestens fünf investiert werden. Ihm sei’s gleichgültig, so der städtische Baumexperte, dem die Verantwortung für die 16 000 Crailsheimer Bäume obliegt, ob ein Baum einheimisch sei oder nicht: „Hauptsache er wächst.“ 4000 bis 5000 Euro koste es mittlerweile, ein Baumquartier anzulegen. Wer nicht bereit sei, dieses Geld ins Stadtklima zu investieren, solle die Baumpflanzung lassen.

Vom Barockpark zum Parkplatz

Kaum vorstellbar, dass vor 25 Jahren Autos parkten im Spitalpark, dort, wo ein Herzstück der Stadt gewachsen ist – was zum Beispiel beim Kulturwochenende für alle sichtbar ist. Bei der Spitalstraßen-Planung gehe es jetzt darum, so Holl, den Spagat zu schaffen zwischen Abschirmen und „ins Bewusstsein bringen“ des Parks.

Während der Sturmwind von Regen abgelöst wurde, machte sich die Gesellschaft Gedanken zum größtenteils als Wiese oder gar Parkfläche genutzten Eisweiher, der einst als Schlossteich bestach, und zum ebenfalls trocken gefallenen Spitalweiher.

Am Bullinger Eck waren die zehn Hektar Blumenwiese Thema, die von der Stadt in den vergangen Jahren angelegt wurden: „Wir waren da Trendsetter“, so Holl mit Blick auf all die Nachahmer. Die Crailsheimer Sommerblumenmischung sei ausnehmend schön und entsprechend nachgefragt, und 160 verkaufte Gläser Honig aus Crailsheimer Ernte zeugten ebenfalls davon, dass dieses Konzept von der Bevölkerung mitgetragen werde.

An der Goethestraße ist noch nicht viel zu sehen vom Vorhaben, die Jagst wieder sichtbar werden zu lassen. Dabei ist schon so viel geschehen – die Wildkräuterwiese in der Aue hat alle Zeit der Welt, sich ähnlich wie die Hirtenwiese zu entwickeln; mehr und mehr entsteht ein wertvolles Biotop. Nur die Böschung muss noch gerodet und durch einige Gehölzriegel ersetzt werden.

Bevölkerung ist gefragt

An der Jagstaue war, wie des Öfteren an diesem Nachmittag, die offenbar „sehr dünne Personaldecke“ Thema; vergleichsweise wenige Teilzeitkräfte leisteten mit Stauden und Sommerflorpflanzungen Bemerkenswertes, ebenso die Mitarbeiter, die sich um die Spielflächen kümmerten. In diesem Zusammenhang wurde von allen Beteiligten mehrfach Zivilcourage eingefordert: Dass Zeitgenossen Glasscherben in den Sandkästen der Spielplätze zurücklassen oder die ersten Narzissen der Jagstaue, die so schönen Lilien oder die Jagstbrücken-Pflanzen wegtragen und die Stadt ärmer machten, dürfe nicht zugelassen werden. Zumindest könne so etwas gemeldet werden.