Pogromnacht „Auf leise Töne der Menschenverachtung hören“

Crailsheim / Birgit Trinkle 10.11.2018
Crailsheimer blicken auf die Pogromnacht vor 80 Jahren zurück, gedenken der Opfer und sagen jeder Form von Menschenfeindlichkeit den Kampf an.

Knapp sechs Jahre alt war Crailsheimer Norbert Haese, als er vor 80 Jahren bei Danzig vor zerschlagenen Scheiben stand, vor halb zerstörten Gebäuden, und weinte, weil er begriff, dass da Schlimmes geschehen war. Ein Freund seiner Eltern, so erzählte er gestern, war damals entsetzt, weil die Brände nicht gelöscht werden durften. Stadtarchivar Folker Förtsch bestätigte das: Auch in Steinbach bei Hall habe es eine Auseinandersetzung zwischen SA und Feuerwehr gegeben. Es liegt nicht in der Natur von Menschen, nicht zu helfen. Da muss schon furchtbar viel schiefgehen.

Nachdem die Glocken der Johanneskirche das Gedenken der „Initiative Erinnerung und Verantwortung“ und ungewöhnlich vieler Teilnehmer an die vom Terror betroffenen Crailsheimer Juden am Freitag buchstäblich eingeläutet hatten, zeigte Peter Erler auf, dass wieder einiges schiefläuft. „Wie oft haben wir gesagt, dass sich so etwas nicht wiederholen darf, und nun müssen wir feststellen, es wiederholt sich doch.“ Erler ging auf eine Vielzahl von Vorfällen und Entwicklungen im zu Ende gehenden Jahr ein, „schreckliche Dinge, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie vor 80 Jahren“. Auf den NSU und „den Deutschlandhut, der zur Ikone des rechtsdumpfen Protests wurde, bevor der Hitlergruß aus Chemnitz ihn ablöste“. Auf Aufmärsche und Hassparolen, eine „Dramaturgie wie aus dem Lehrbuch“ und eine Polizei, die eine fragwürdige Figur abgegeben habe: „Der Mob ist wieder da, das hässliche Deutschland ist zurück.“ Vor der Spaltung der Gesellschaft warnte Erler dann; er sprach von der Bedeutung und der Macht der Liebe. Und er appellierte: „Demokratie geschieht, indem wir uns einsetzen.“

Blick auf die Opfer

Schülerinnen des Albert-Schweitzer-Gymnasiums gingen in einem Protokoll des Schreckens auf die Jahre ein, in denen alles so schiefging wie nur möglich. Sie erzählten von schleichender Entrechtung, von zunächst kleinen Veränderungen, Verordnungen, Gesetzen. Von der gelben Parkbank, dem gelben Stern, dem Haustier- und dem Berufsverbot, dem für 23 Stunden am Tag geltenden Ausgangsverbot und immer weiter gekürzten Essensrationen für jüdische Kinder. Von der „Judenauspeitschung“ und Josef Böhm war die Rede, der an diesem Tag zerbrochen ist, und von drei großen Deportationen, nach denen die Stadt „judenfrei“ war. Von 111 jüdischen Crailsheimern, die die Heimat verlassen haben, von 44, die ermordet wurden. 45, wenn Josef Böhm mitgerechnet wird.

Peter Pfitzenmaier, früherer Dekan und ebenfalls Sprecher der Initiative, sagte, diese Katastrophe sei nicht aus dem Nichts gekommen. Er ging vor allem der Frage nach, warum geschwiegen wurde, als noch Widerspruch möglich war. „Wir haben heute gut reden, können gegen Antisemitismus auf die Straße gehen und protestieren.“ Eines sei sicher: Man müsse dem Rad in die Speichen greifen, bevor es sich zu drehen beginne, müsse auf leise Töne der Menschenverachtung hören, nicht erst auf die schamlosen Parolen. Böses habe in sich den Drang, sich auszuweiten.

Doch auch Gutes wirke weiter. Es wirke, wenn viele auf die Straße gingen, damit Antisemitismus nicht neue Normalität werde. „Wenn ein Oberbürgermeister öffentlich sagt, Hans Scholl sei jetzt in der Mitte unserer Stadt angekommen, oder die Merlins vor 800 Schülern über Integration sprechen“. Er dürfe die Gedenkstunde mit Hoffnung beschließen.

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