Zwölf Uhr mittags, Mutter Heike gibt den Takt vor: „Eins, zwei drei, vier“ und auf den Schlag setzen Anna (10) und Paul (7) ein. „Freude schöner Götterfunken“ spielen sie am offenen Küchenfenster. Die Melodie ist im ganzen Wohngebiet in Bergbronn zu hören. Die drei sind Teil eines Flashmobs der Musikschulen Crailsheim und Hohenlohe, der gestern Musikanten an die Fenster lockte. Ein Flashmob ist ein plötzliches, scheinbar spontanes Treffen von Menschen, die alle dasselbe tun.

Die Auftritte werden als Video online gestellt

Nun kann man in Zeiten des Virus zwar nicht auf öffentliche Plätze einladen. Aber aufeinandertreffen können die Teilnehmer doch. Nämlich dann, wenn Andreas Straßer, Leiter der Musikschule Hohenlohe, die Videos der Auftritte zusammenschneidet und ins Internet stellt.

Straßer: Deutlich mehr Teilnehmer als erwartet

Eine Stunde nach dem Flashmob ist Straßer völlig baff: „Ich habe mit 50 Videos gerechnet“, sagt er. „Jetzt sind es schon mindestens 200.“ Er will nun alle Videos sichten. Hoffentlich, meint er, habe er sich da nicht übernommen. Und hoffentlich hätten alle im selben Tempo gespielt, „wenigstens halbwegs.“

Angefangen hat die Aktion in der vergangenen Woche mit einem Telefonanruf seiner Kollegin Barbara Kochendörfer, der Leiterin der Crailsheimer Musikschule. Sie schlug die gemeinsame Aktion vor, um den Musikschullehrern etwas an die Hand zu geben, das sie mit ihren Schülern üben könnten. Deshalb ist auch ein weiterer Musikschul-Flashmob geplant.

Musikunterricht via Skype und Facetime

Am nächsten Sonntag um 12 Uhr soll „L’inverno è passato“ gespielt werden – „Der Winter ist vorüber“. Straßer: „Damit denken wir an unsere italienischen Freunde. Sie sollen wissen: Der Frühling kommt.“ Auch bei diesem zweiten von insgesamt drei geplanten Flashmobs hofft er auf rege Teilnahme. Denn auch wenn die Musikschulen derzeit geschlossen sind, setzten die Musiklehrer doch alles daran, den Unterricht weiterzuführen. Trompetenlehrer Thomas Groß etwa hat mit dem siebenjährigen Paul via Sprachnachrichten geübt. „Ich habe das Stück aufgenommen, habe es verschickt und die Antwort kam zurück“, berichtet Heike Ziegler. In den nächsten Tagen soll der Unterricht via Skype und Facetime ablaufen, und irgendwie sind die Kinder in Bergbronn schon gespannt, wie das ablaufen kann.

Schnelle Digitalisierung wegen Coronavirus

„Vielleicht ist das eine der großen Chancen“, sagt Musikschulleiter Straßer. „Das Virus sorgt fast für eine Zwangsdigitalisierung.“ Denn eigentlich standen die Musikschulen gerade kurz davor, digitalen Unterricht in kleinen Gruppen zu testen. Doch jetzt läuft der Test auf breiter Basis. Nun werden die Vorteile und Nachteile des Systems klar. „Denn einen direkten Unterricht kann natürlich nichts ersetzen. Aber bestimmt gibt es etwas, das ihn ergänzt.“

Straßer: Kultur macht den Mensch zum Menschen

Straßer hofft, dass mit der Aktion auch ans Tageslicht kommt, wie prekär die Musikschulen ausgestattet sind, wie existenzbedrohend der Einkommensausfall für die teils freiberuflichen Musiklehrer ist und vor allem wie wichtig Musikschulen sind, „denn wir betreiben hier ja die Basisarbeit für die Musikkultur des Landes“, sagt Straßer. „Vielleicht schaffen wir es, dass wir uns in Zeiten wie diesen auf die Bedeutung der Kultur besinnen. Denn sie ist es ja, die den Mensch zum Menschen macht.“

Gestern um 18 Uhr gab es übrigens noch einen zweiten Flashmob mit der „Ode an die Freude“. Er wurde organisiert vom Blasmusikverband.