Wer in diesen albtraumhaften Zeiten politische Verantwortung trägt, muss nicht nur einmal am Tag tief durchatmen. Das ist bei Bundespolitikern in Berlin so, und bei Kommunalpolitikern überall im Land. Auch bei Crailsheims jungem Oberbürgermeister Dr. Christoph Grimmer (34), seit zwei Jahren im Amt, hinterlässt die Wucht der Corona-Pandemie Spuren im Denken und Fühlen.

Herr Dr. Grimmer, wie geht es Ihnen in diesen Tagen?

Dr. Christoph Grimmer: Das ist schwer in Worte zu fassen.

Warum?

Es sind verschiedenste Gefühle. Ich bin beruhigt, dass wir als Verwaltung gut auf die immer neuen Umstände reagiert haben und dankbar, dass unser Team hierbei so gut zusammengearbeitet hat. Gleichzeitig bin ich auch besorgt, da niemand wirklich weiß, wie es weitergeht. Und über manches ärgert man sich natürlich auch.

Videobotschaft von OB Grimmer

Was hat Sie geärgert?

In erster Linie, dass sich viele Menschen unheimlich ignorant verhalten. Verordnungen, Mahnungen und Appelle genügen nicht – erst wenn ein Spielplatz komplett versperrt ist, bleiben Menschen fern. Was ist am Hinweis „Betreten verboten“ nicht zu verstehen? Wenn ich durch unsere Straßen laufe, sind die Cafés so gefüllt wie lange nicht mehr. Mir ist es unbegreiflich, dass trotz aller Warnungen viele Mitmenschen den Ernst der Lage anscheinend noch immer nicht begriffen haben.

Sie haben auch das „Hin und Her“ der Landesregierung auf Facebook kritisiert.

Ich bin überzeugt, dass auf allen politischen Ebenen jeder sein Bestes gibt. Und trotzdem fuchst es etwas, wenn die Schließung von Kitas und Schulen am Freitagnachmittag verkündet wird. Mit allen Fragen, wer eine Notbetreuung in Anspruch nehmen kann, stehen die 1101 Städte und Gemeinden in Baden-Württemberg dann erst mal zwei Tage alleine da. Nachdem wir das ganze Wochenende hindurch das weitere Vorgehen koordiniert und geplant haben, kam Montagmittag die Verordnung der Landesregierung. Damit war vieles hinfällig.

Crailsheim/Fichtenau

Was genau kritisieren Sie denn?

Es gab Irritationen, weil zeitgleich Veranstaltungen mit 99 Teilnehmern noch zugelassen waren, während Fahrschulunterricht mit zwei Personen in einem Auto untersagt wurde. Wie soll man dies den Bürgern erklären? Kinos und Fitnessstudios bekamen die Ankündigung, von Dienstag an für drei Monate geschlossen zu sein, weil die Verordnung keine zeitliche Befristung enthielt. Bereits am Tag des Inkrafttretens der ersten Verordnung wird kurz vor Mitternacht die präzisierte zweite Verordnung bekannt gemacht, die das gesellschaftliche Leben weiter einschränkt, die Schließung von Einrichtungen aber wieder zwei Monate auf den 19. April vorverlegt. Die Kommunikation der Landesregierung erfolgte am Freitagmittag und kurz vor Mitternacht am Dienstag für alle Städte und Gemeinden nicht gerade zu glücklichen Zeitpunkten, um Maßnahmen einzuleiten und umzusetzen.

Vermissen Sie einen durch die Bundesregierung gesteuerten Krisenplan?

Als Baden-Württembergs Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann und Innenminister Thomas Strobl am Freitag der Vorwoche ein Loblied auf den Föderalismus angestimmt haben, wusste ich schon, dass etwas nicht stimmt. In den Experteninterviews für meine Dissertation (....) sagte der Pressesprecher eines Fußball-Bundesligisten: „Wenn ich erklären muss, dass etwas gut ist, ist es eigentlich schon schlecht.“ Föderalismus hat sicherlich viele Vorteile, aber an jeder Hochschule wird vermittelt, dass in Krisen mit einer Zunge gesprochen werden muss. Alles in allem wäre es mir lieber, die Bundesregierung oder ein von ihr eingesetztes Krisenmanagementteam mit Experten der wichtigsten Bereiche würde die Maßnahmen zentral von Berlin aus steuern. Dann gilt alles einheitlich für alle und man vergeudet weniger Energie in Debatten, Verordnungen, Sonderregeln und Ausnahmen. Österreich hat es vorgemacht.

Noch am Dienstag haben Sie an der Sitzung des Gemeinderats für Donnerstag festgehalten. War das ein Fehler?

Meine Entscheidung entsprach der am Dienstag gültigen Verordnung, wonach Veranstaltungen mit weniger als 100 Personen durchgeführt werden können. Im Gemeinderat sind wir in der Regel rund 50 – und mit allzu vielen Besuchern habe ich angesichts der Appelle zur Meidung sozialer Kontakte nicht gerechnet. Außerdem hatten beide Ausschüsse bereits alle Tagesordnungspunkte vorberaten. Den Aktivitätenbericht der Stadtwerke hatte ich in Rücksprache mit dem Geschäftsführer gedanklich schon von der Tagesordnung genommen, um die Sitzung zu straffen. Aber angesichts der Notwendigkeit zur Vermeidung sozialer Kontakte wäre es rückblickend besser gewesen, auf die Sitzung frühzeitiger zu verzichten.

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Crailsheim

Wie sieht Ihr Terminkalender in der kommenden Zeit aus, nachdem eine Vielzahl von Veranstaltungen abgesagt ist?

Am Montagabend hatte ich für einen Moment eine Sinnkrise. Zwei Jahre hetzt du von Termin zu Termin, bist überall präsent, allzeit bereit, kümmerst dich um alles und jeden, machst Sitzung um Sitzung, Ehrungen, Verleihungen und vieles mehr, weil alles immer dringend ist, sofort erledigt werden muss oder spätestens Rückmeldung bis morgen erfordert. Und dann kommt die Mitteilung, dass für drei volle Monate alles ausfällt – völlig problemlos. Alles ist aufschiebbar, alles ist verzichtbar, nichts muss mehr sein. Und es geht. Niemand fordert.

Wie geht es mit all den Themen und Entscheidungen weiter, wenn bis auf Weiteres keine Sitzungen des Gemeinderats stattfinden können?

Hier müssen wir uns auch erst mal noch orientieren. Im Kontext der Schulentwicklungsplanung war als nächster Schritt ein Treffen von Schulleitungen und Vertretern der Gemeinderatsfraktionen angestrebt. Nach jetzigem Stand kann dies nicht vor der zweiten Juni-Hälfte stattfinden. Die erhoffte Beschlussfassung vor der Sommerpause gerät damit ebenfalls in weite Ferne. Auch das Thema Stadthalle wollten wir bis zum Sommer zur Entscheidungsreife führen. Vor der Einbringung des Themas Abschaffung Unechte Teilortswahl möchte ich eine Klausur und eine Bürgerinformation ausrichten. Beides fällt in den Zeitraum, in dem Versammlungen untersagt sind.

Was macht eigentlich der Haushaltsplan­entwurf für die Jahre 2021/22?

Da haushaltsrelevante Themen nicht entschieden werden können, ist auch die gewünschte Einbringung des Haushaltsplan­entwurfs im Juli von Tag zu Tag unwahrscheinlicher. Das ist schon frustrierend, aber aktuell geht die Gesundheit der Menschen eindeutig vor. Das hat höchste Priorität.