Crailsheim Psychologische Beratungsstelle wird 30

Manfred Dohmen (links) und Reinhard Sellmann auf der Jubiläumsfeier.
Manfred Dohmen (links) und Reinhard Sellmann auf der Jubiläumsfeier. © Foto: Sebastian Unbehauen
Crailsheim / Sebastian Unbehauen 17.01.2019
Seit drei Jahrzehnten leistet die psychologische Beratungsstelle in Crailsheim wertvolle Arbeit. Die Feier ging dank des Festvortrags von Reinhard Sellmann weit über eine bloße Würdigung hinaus.

Wir kommen alle irgendwo her – so lautete das Motto der 30-Jahr-Feier der psychologischen Beratungsstelle am Dienstag im Johannesgemeindehaus. Manfred Dohmen, der Stellenleiter, kam 1988 beispielsweise aus Dortmund ins Hohenlohische, um seine beratende Arbeit aufzunehmen – und: „Der Anfang gelang gut“, erinnert er sich, eben weil ihn alle beteiligten Stellen, vom Oberkirchenrat über den Kirchenbezirk bis hin zum Landratsamt gut unterstützt hätten.

Von Flucht und Schwellen

Das Jubiläumsmotto freilich war nicht eigens auf Dohmen zugeschnitten, sondern griff Grundsätzlicheres auf. Erstens, klar, das vielzählige Ankommen von Flüchtlingen in den vergangenen Jahren. Von Menschen also, die in ihrer Vergangenheit Schlimmes erlebt haben und für die der Schritt in die Fremde eine ungeheure psychische Belastung ist.

Und dann, zweitens, kommen wir ja alle von irgendwo her, nicht nur geografisch, sondern biografisch. Wir machen verschiedene Lebensphasen durch, unser Gehirn muss sich immer wieder an neue Anforderungen anpassen, wir stehen bisweilen unweigerlich an Schwellen, deren Überwindung Kraft kostet. Und psychologische Beratung, so machte Dohmen deutlich, kann über Schwellen hinweghelfen, wenn es aus eigener Kraft nicht geht.

Die Beratungsstelle in Crailsheim war zunächst eine Außenstelle von Heilbronn unter Trägerschaft des Oberkirchenrats. 1996 ging sie auf den Kirchenbezirk Crailsheim über, seit dem 1. Januar 1997 ist sie selbst Hauptstelle mit Außenstelle in Hall. Seit rund zehn Jahren gibt es darüber hinaus einen Förderverein, den der ehemalige Dekan Peter Pfitzenmaier ins Leben gerufen hat – und der eine Honorarkraft finanziert, um Spitzen abzufedern und allen Hilfesuchenden schnell eine Betreuung anbieten zu können.

Die Mitarbeiter der Beratungsstelle sind in der Erziehungsberatung – nach wie vor der Hauptteil ihrer Arbeit –, der Lebensberatung und der Paarberatung tätig. Wer in Not ist, wer Hilfe braucht, kann kommen, ob Eltern, Jugendliche, Paare, Erwachsene, Familien, Mitarbeiter von Jugendhilfeeinrichtungen oder Firmen.

Dekanin Friederike Wagner umriss in ihrem Grußwort die Tätigkeit mit Verweis auf den Hebräerbrief: „ Darum stärkt die müden Hände und die wankenden Knie (...), dass nicht jemand strauchle (...), sondern vielmehr gesund werde.“ Hartmut Werny, der Leiter des Jugendamts Schwäbisch Hall, überbrachte die Grüße der Kreisverwaltung und dankte für die vertrauensvolle Zusammenarbeit. Eva Doose sprach für die Stadt. Deren Verwaltung wisse um die wichtige Aufgabe, die die Kirche übernehme: „Wir sind sehr dankbar.“ Gabriele Hopfinger von der Diakonie, die im selben Haus auf dem Kreuzberg eng mit der Beratungsstelle zusammenarbeitet, betonte: „Wir haben voneinander gelernt.“ Susanne Bakaus, die Leiterin der Landesstelle der psychologischen Beratungsstellen schickte eine Videobotschaft.

Und Reinhard Sellmann, der ehemalige Leiter dieser Stelle und heutige Psychologe der Landeserstaufnahmestelle (LEA) für Flüchtlinge in Ellwangen hielt anschließend einen beeindruckenden Festvortrag. Er stellte ihn unter zwei Überschriften: „Psychologische Beratung als Brücke zwischen gestern, heute und morgen“, passend zum Jubiläumsmotto, und, nach Martin Buber, „Jedes wirkliche Leben ist Begegnung“.

„Ich brauche diese Sätze, um in meiner psychologischen Beratung mit den Flüchtlingen die Richtung zu behalten, den Halt nicht zu verlieren“, sagte Sellmann. Er ist vielen Menschen in der LEA begegnet, zunächst vor allem Flüchtlingen aus Syrien, mittlerweile meist jungen Männern aus Afrika. Er hat Fröhlichkeit erlebt, aber auch ganz viel Leid. Und er hat sich dabei selbst verändert: „Ich fühle mich innerlich ernster“, sagte er. „Die Zuversicht, dass wir helfen können, ist etwas kleiner geworden.“ Gleichwohl spüre er in guten Momenten, dass letztlich in der Begegnung auf Augenhöhe wirkliche Beziehung entstehen könne.

Berührende Beispiele

Der Referent gab berührende Beispiele seiner Arbeit, erzählte etwa von einem jungen Mann, der als Arbeitssklave von Herr zu Herr verkauft wurde, ehe er nach Europa kam, von einem anderen, der seine Schwester auf dem Mittelmeer verlor. Beide sind noch in Deutschland, beide haben keine gute Bleibeperspektive.

Die psychologische Beratung sei für ihn, so Sellmann, eine besondere Form der Seelsorge. In seinem persönlichen Fall ist es „die Seelsorge des gläubigen Christen für Menschen, die jede Hoffnung auf ein würdiges Leben verloren haben oder verlieren.“ Gut, dass es solche Hilfe gibt.

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tausend Menschen hat die psychologische Beratungsstelle in Crailsheim zwischen 1988 und 2018 beraten – in 7215 Beratungsfällen. Die Zahl der Hilfesuchenden steigt seit Jahren.

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