Die tödliche Saat, die letztlich in der Judenvernichtung des "Dritten Reiches" aufging, wurde vor allem in Militärkreisen schon Jahre vorher ausgebracht: Als sich 1915 der erhoffte schnelle Sieg der deutschen Truppen als Illusion erwies, witterten antisemitische Parteien und Verbände ihre Chance, die Juden zu "Sündenböcken" stempeln zu können.

So schwadronierte im Jahr 1915 der "Bund der Landwirte" von "jüdischer Zersetzung", und der nicht minder antisemitische "Alldeutsche Verband" proklamierte als "deutsches Kriegsziel" sogar die "Lösung der Judenfrage" - ein Begriff, der unter der NS-Diktatur direkt in die KZ-Gaskammern führte.

Die Hetze, die vor allem im latent judenfeindlichen Offizierskorps des Kaiserreiches auf fruchtbaren Boden fiel, gipfelte im Oktober 1916 in einen Erlass des preußischen Kriegsministers Adolf Wild von Hohenborn: Die sogenannte "Nachweisung der beim Heere befindlichen wehrpflichtigen Juden", von Historikern auch als "Judenzählung" bezeichnet, sollte - je nach politischer Lesart - beweisen oder widerlegen, dass die deutschen Juden ihrer vaterländischen Pflicht im Krieg nachkommen. Hierzu wurden Fragebögen und Listen an die einzelnen Truppenteile ausgegeben.

Die ohnehin auf recht zweifelhafte Weise gesammelten Daten wurden bis zum Ende des Ersten Weltkrieges nicht veröffentlicht.

Erst im Jahr 1922 offenbarte eine genaue Untersuchung, dass die antisemitischen Vorwürfe aus der Kriegszeit völlig haltlos waren: Mit 17,3 Prozent stellte das deutsche Judentum ebenso viele Soldaten wie die nicht jüdische Bevölkerung, obwohl nur 15,6 Prozent der jüdischen Männer wehrpflichtig gewesen wären.

Tief verletzt von dieser infamen antisemitischen Propaganda im Krieg dürften auch jene 52 jüdischen Männer aus Crailsheim gewesen sein, die zwischen 1914 und 1918 an der Ost- und Westfront in den Schützengräben lagen - wie zum Beispiel Hermann Rosenfeld, geboren im Jahr 1892 und Sohn des hoch angesehenen Sanitätsrates und medizinischen Leiters der örtlichen DRK-Sanitätskolonne Dr. Adolf Rosenfeld: Er diente im Feld-Artillerie-Regiment 65. Nach dem Krieg zog er aus Crailsheim weg, sein weiterer Lebensweg liegt noch im Dunkeln.

Hochdekoriert kehrte der Crailsheimer Jude Albert Stein (Jahrgang 1879) aus dem Krieg zurück: Dem Sergeanten des Landwehr-Infanterie-Regiments 121 und des Infanterie-Regiments 476 wurde das Eiserne Kreuz II. Klasse und die silberne Militärverdienstmedaille des Königreichs Württemberg verliehen. Er betrieb in der Wilhelmstraße 15 in Crailsheim bis zum Jahr 1936 einen Eisen- und Farbwarenhandel. In letzter Minute gelang ihm von Stuttgart aus im Mai 1941 die Flucht nach Argentinien. Sein Urenkel Pablo Stein war im Mai 2014 in Crailsheim dabei, als für Albert Stein ein Stolperstein verlegt wurde.

Für dessen Bruder David Stein gab es dagegen keine Rettung mehr: Der 1872 in Crailsheim geborene Wein- und Landesproduktenhändler aus der Kapellengasse 6 erlebte den Ersten Weltkrieg als Unteroffizier im Landwehr-Infanterie-Regiment 121.

Wie fast alle jüdischen "Frontkämpfer" vertraute er wohl darauf, dass die Nazis wenigstens ihre Verdienste um das Vaterland anerkennen und die jüdischen Veteranen des Ersten Weltkrieges vor weiterer Verfolgung und Drangsal im "Dritten Reich" geschützt sind. Ein tödlicher Irrtum auch für David Stein: Der vielfach in der Crailsheimer Bürgerschaft engagierte Mann, der 1933 aus dem Gemeinderat und 1936 nach dem Verlust seines Geschäftes aus der Stadt gedrängt und zuletzt mit seiner Tochter Mina in Buttenhausen bei Münsingen Unterschlupf fand, wurde im August 1942 in das KZ Theresienstadt und fünf Wochen später in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und dort ermordet.

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Das HOHENLOHER TAGBLATT rückt in einer wöchentlich erscheinenden Serie den Ersten Weltkrieg und seine Auswirkungen insbesondere auf Hohenlohe in den Blickpunkt. Alle Teile gibt es gesammelt im Internet unter der Adresse www.swp.de/erster-weltkrieg.

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HT