Burladingen Wenn Menschen um ihr Leben ringen

Burladingen / Matthias Badura 19.10.2018
Mit der szenischen Lesung „Ein Morgen vor Lampedusa“ hinterließen elf Schüler des Progymnasiums bei einen tiefen Eindruck.

Man kennt die Sprüche: „Was ich täte, wenn ich da Küstenwache wäre? Ich täte die alle absaufen lassen. Sind doch selber schuld, sollen zuhause bleiben“ – so kann man es an Stammtischen tönen und dröhnen hören, wenn es um das Thema Flüchtlinge und Flüchtlingsboote geht.

Wie das ist, wenn man keine drei Meter vor sich Menschen ertrinken sieht, wenn schwangere Mütter zwischen treibenden Leichen ums Überleben kämpfen oder wenn man als Taucher aus einem Wrack vom Meeresgrund  Babys bergen muss, die einem noch im Tode die starren Ärmchen entgegen strecken – das kann man sich kaum vorstellen. Zumindest eine Ahnung von diesen Schrecken gab jedoch die „szenische Lesung“, die Schüler des Burladinger Gymnasiums in Zusammenarbeit mit dem Theater Lindenhof am Donnerstagabend vortrugen. Ein Morgen vor Lampedusa“ heißt die Collage aus Augenzeugenberichten.

Initiator „Burladingen ist bunt“

Die Initiative für die Aufführung ging von „Burladingen ist bunt“, dem „Bündnis für Offenheit und Menschlichkeit“ aus. Der begleitende Lehrer war Chris Bartels. Dass sie am Progymnasium Burladingen stattfand, passt, schließlich ist das progymnasium eine „Weltethos-Schule“.

Am 3. Oktober 2013 kenterte – nicht zum ersten und letzten Mal – ein voll besetztes Boot mit afrikanischen Flüchtlingen vor der sizilianischen Küste. Bis Hilfe eintraf, vergingen Stunden. Durch den Mund der Schüler wurde die Stimmen von Opfern laut, die in letzter Minute aus dem Wasser gefischt wurden und ebenso von Rettern, die die Szenen ihr Leben lang nicht vergessen werden.

In den Aussagen und Erinnerungen offenbart sich die Angst und Verzweiflung derer, die im kalten Wasser in schwarzer Nacht um ihr Leben rangen, sie spiegeln die Erschütterung der Helfer, die nicht wussten, wo sie zuerst zupacken sollen: Während sie nach dem einen greifen, geht die andere unter. So starben bei der Katastrophe insgesamt über 300 Menschen.

Viele Fischer, die sich zum Zeitpunkt des Geschehens in der Nähe aufhielten, kamen, um zu helfen, andere fuhren weiter. Nicht aus Niedertracht oder Gleichgültigkeit, sondern weil sie nicht wagten, einzugreifen. Sie fürchteten, beschuldigt zu werden, sie hätten Beihilfe zur illegalen Einwanderung geleistet.

Wie man an dem Abend im der Aula des Progymnasiums erfuhr, ereigneten sich Fälle dieser Art tatsächlich, und wurden Kapitäne zwar nach Jahren rehabilitiert, aber zunächst einmal angeklagt und verurteilt, weil sie Ertrinkende aufgenommen hatten. Also fuhren die Nachfolger weiter, kamen Menschen um, die hätten noch rechtzeitig an Land gebracht werden können.

Auch anwesende Küstenwachboote griffen vor Lampedusa und anderswo nicht ein. Die Begründung der Bootsführer lautete, man müsse Anweisungen der vorgesetzten Dienststelle abwarten, die Kompetenzen seien unklar.

In der Lesung kommen auch Kommunalpolitiker und Bewohner Lampedusas zu Wort. Natürlich waren auch sie angesichts der Erschöpften und der Toten erschüttert. Es seien Menschen, die da anlanden, heißt es. Aber die Menschlichkeit sei in Europa auf der Strecke geblieben, die Union, die sich als Wertegemeinschaft versteht, habe versagt, bei der Rettung der Flüchtlinge ebenso wie bei deren Aufnahme – beziehungsweise deren Nicht-Aufnahme.

Es war eine eindrückliche, vielfach beklemmende Darbietung, die zutiefst nachdenklich stimmte; die aber mit viel Applaus für die elf Akteure aus den Klassen 9 und 10 des Progymnasiums endete. Applaus auch für die  Lindenhöfler Berthold Biesinger und Bernhard Hurm, welche die Lesung mit vorbereitet hatten.

Im zweiten Teil des Abends wurde diskutiert, unter anderem sprach Almut Petersen vom Arbeitskreis Asyl Hechingen. Oumie Sillah, eine junge Frau aus Gambia – und wie Petersen Gast der Veranstaltung – schilderte ihre eigenen Fluchterlebnisse. Dazu befragt, ob ihr klar gewesen sei, auf was sie sich bei der Flucht durch die Sahara und übers Meer einlässt, antwortete sie, wenn man in einer derart verzweifelten Lage sei und in seinem eigenen Land überhaupt keine Perspektive mehr sehe, dann denke man nicht nach, dann ziehe man los, dahin, wo man auf Freiheit und ein besseres Leben hofft.

Wiederholung im November

Ein Zuhörer lobte, er finde es mutig, eine solche Lesung in Burladingen zu veranstalten – wohl weil die Stadt unter ihrem AfD-Bürgermeister derzeit nicht im besten Licht dasteht, was Offenheit und Toleranz betrifft. In allen Beiträgen kam zudem nochmals das Lob für die Leistung der Schüler zum Ausdruck.

Wer nicht dabei war, hat Gelegenheit die szenische Lesung am 17. November erleben zu können. Dann wird sie im Theater Lindenhof wiederholt.

Eine Collage von Antonio Umberto Riccò

Text Ausgehend von den Ereignissen vor Lampedusa hat der Autor Antonio Umberto Riccò aus Zeugenaussagen und dokumentarischem Material einen erschütternden Text entwickelt, der unterschiedliche Perspektiven auf die Katastrophe eröffnet. Der italienische Text wurde von Francesca De Iuliis, Hartwig Heine und Marcella Heine ins Deutsche übersetzt.

Musik Der Musiker Francesco Impastato hat für dieses Projekt sechs Lieder komponiert. Dazu werden Bilder gezeigt, von überfüllten und gekenterten Booten, Menschen, die im Meer treiben, elenden Flüchtlingslagern, in denen die Überlebenden unterkommen.

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