Melchingen / Matthias Badura

Hochgestimmtes Premierenpublikum, angeregte Gespräche, Smalltalk, Sekt und Saft, Spätankömmlinge hetzen herein, vor der Türe werden eilig letzte Zigarettenzüge inhaliert. Theaterstimmung, Premierenstimmung. Im 23-köpfigen Publikum. Wie, nur 23? Ja, arg viel mehr hätten in das Wohnzimmer in der Melchinger Sonnenbergstraße 6 von Friederike van Dülmen und Christian Burmeister-van Dülmen auch nicht hineingepasst.

Dort feierte „Lachen“ am Wochenende seine Premiere. Nicht etwa, weil im Lindenhof das Licht ausgefallen oder sonst etwas die Aufführung  im Saal oder in der Scheuer verhindert hätte. „Lachen“ ist vielmehr genau dafür angelegt, für Aufführungen von Privatleuten in ihrem Wohnzimmer für deren Gäste. Wer mag, kann  das Stück mieten, kostenlos!, wird so zum Theaterdirektor verwandelt, seine vier Wände in einen Kulturpalast, seinen Wohnzimmerfußboden in die Bretter, die die Welt bedeuten. Umgekehrt kommt der Lindenhof, das ist die Absicht des Projektes, noch enger an die Menschen heran. Man spielt gewohnheitsmäßig auf der Bühne, man spielt aber auch auf dem Himmelberg, vor Altstadtkulissen oder in der Tübinger Panzerkaserne, man spielt in großen Häusern, aber ebenso oft und öfter fern der Metropolen auf dem Land - und jetzt eben auch in den Wohnzimmern der Menschen. Ganz nah dran.

„Lachen“ ist ein Einmannstück, gespielt von Lindenhof-Urgestein Franz-Xaver Ott, geschrieben und herausgebracht von dem Künstlerduo „marks&schlecker“ und wiederum Franz-Xaver Ott. Der Mime Ott erzählt darin,  schwadroniert, räsoniert, hadert über seine Schauspielerkarriere, mal ulkig, mal kritisch, mal selbstreflexiv, mal euphorisch, mal weinerlich. Teils autobiographisch, teils erfunden. Es geht ums Theater, aber nicht nur, es geht allgemein ums Künstlertum und um Illusionen. Wer schon die Welt verbessern wollte und dabei, wie so ziemlich alle, die das wollten, auf die Nase gefallen ist, erkennt sich darin wieder.

Es fehlt auch nicht an Gesellschaftskritik, teils ziemlich bissiger. Warum geht es der westlichen Welt so gut? Antwort: Weil es dem Rest so schlecht geht. „Wir haben die volle Wahl“, ruft Ott, und fügt hinzu: „Weil wir den anderen keine lassen.“ Oder: „Wir können alles haben – wenn wir den anderen nichts lassen.“

Gesellschaftskritik gefällig?

Damit also kein Irrtum aufkommt: Das Stück ist kein Kabarett, keine Comedy, die sich für Geburtstagsfeiern eignet. Auf der Suche nach dem großen Lachen bleibt einem selbiges auch manchmal im Halse stecken. Es ist Theater im eigentlichen Sinne, komödiantisch, mit Tiefsinn, provokant.

Aufgereiht hat Ott seine Episoden an einzelnen Requisiten, die er nacheinander aus seiner Theaterkiste zieht und anhand derer er gleichsam sich und seine Stimmungen verwandelt. Teilweise bindet er das Publikum mit ein, lehrt sie etwa mit Yoga-Übungen – ein ziemlich mechanisches - Lachen, Zwischenrufe weiß er zu parieren. Aber das konnten die Lindenhöfler in ihren Kleinproduktionen ja schon immer. Das macht die Sache noch lebendiger.

Am Schluss der Vorstellung langanhaltender Applaus – aus 46 Händen, Bravorufe, aus mehreren Kehlen. Und dann Häppchen, Bier, Wein, Wurst von der Metzgerei Heinrich und erlesener Käse. Stehpremierenfeier in der van-Dülmenschen Küche. Glückwünsche für den Schauspieler und das Stück, Gedankenaustausch. Wie im Theater. Und doch ganz anders. Und doch wie im Theater.

Im Rahmen des ProjektesTrafo

Buchen Das Wohnzimmertheater des Theaters Lindenhof wird im Rahmen des von der Kulturstiftung des Bundes unterstützten Trafo-Programmes.  Es geht darum, Kultur auf dem Land zu erhalten und zu stärken, es geht aber auch darum, neue Wege für die Kultur auf dem Land zu finden, zu eröffnen. „Lachen. Ein Wohnzimmertheater“ können Privatleute über den Lindenhof buchen. Das Stück wird allerdings nicht für Geburtstagspartys oder Betriebsfeiern vergeben. Es ist ausschließlich Wohnzimmern vorbehalten.