Ringingen Vorbei die karge Zeit der Hülben

Italienische Gastarbeiter haben vor hundert Jahren die Wasserleitungen zwischen den Albdörfern verlegt. Die Südländer galten als fleißig und erfahren - und waren vermutlich auch billiger als einheimische Kräfte. Archivfoto
Italienische Gastarbeiter haben vor hundert Jahren die Wasserleitungen zwischen den Albdörfern verlegt. Die Südländer galten als fleißig und erfahren - und waren vermutlich auch billiger als einheimische Kräfte. Archivfoto
Ringingen / MATTHIAS BADURA 18.08.2012
Vor 100 Jahren, im Sommer 1912, wurde in Ringingen ein großes Wasserfest gefeiert. Mit der Inbetriebnahme der Hausleitung endete die karge Zeit der Hülben und Zisternen, und eine neue Ära brach an.

Die regnerische, schneereiche Alb bildet ein riesiges Wasserreservoir. Umso unglaublicher erscheint es, dass Menschen und Tiere hier über Jahrhunderte unter Wassernot zu leiden hatten.

Das tiefer gelegene Stetten unter Holstein hatte ausreichend eigene Quellen, auch Melchingen war nicht in dem Ausmaß betroffen. Ringingen darbte dafür umso mehr. Die Dorfchronik von Johann Adam Kraus berichtet durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder von Wassermangel, der teilweise monatelang anhielt.

Es wurde mehrfach versucht, ausreichend Wasser aus der Umgebung heranzuführen. Das ehrgeizigste Projekt war wohl 1882/1883 der Bau einer Leitung vom Burladinger Mettenbergbrunnen oberhalb des Tiefentales her. Die zu überwindende Strecke war gewaltig, die Kostensumme von veranschlagten 40 000 Mark auch. Richtig funktioniert hat die Anlage aber nie.

Um 1910 reifte der Plan, das Wasser aus dem nahe gelegenen Seeheim oberhalb von Killer mit Hilfe eines hydraulischen Widders heraufzupumpen. Wie das technisch funktioniert, ist heute auf dem Stettener Dorfanger dokumentiert. Doch das Vorhaben scheiterte, weil es mit 95 000 Mark als zu teuer erschien.

1911 entschied die Gemeinde schließlich, sich wie das Nachbardorf Salmendingen dem neuen Wasserzweckverband, der Erpfgruppe, anzuschließen. Für die Aussicht, dauerhaft versorgt zu sein, war man bereit, Schulden in Höhe von 85 000 Mark zu machen und den Krach zahlreicher Sprengungen zu ertragen, die für den Bau erforderlich waren. Die Leitung, liest man bei Kraus, "konnte am 14. November 1911 in Betrieb genommen werden und funktionierte gut, zur Freude aller Bewohner, die jetzt (. . .) nur noch den Wasserhahnen aufdrehen brauchten."

Kraus berichtet weiter: "Beim Wasserfest am 17. Juli 1912 hatte man Ehrenpforten errichtet, die Häuser geziert und beflaggt. Die Herren, die das wohltätige Werk ins Leben riefen und leiteten (. . .) machten eine Rundfahrt durch die Orte und probierten die Leitung. In Ringingen war der Druck am geringsten. Unsere Musikkapelle hatte sich allgemein zur Verfügung gestellt. Die Schulkinder sangen beim Schulhaus: ,Stimmt an mit hellem hohen Klang, stimmt an das Lied der Lieder". Bürgermeister Jakob Hipp hielt eine Rede: ,Unserer Markung ist reich an Steinen, aber arm an Geld. . . und blieb stecken."

Doch auch als das Wasser aus dem Hahn plätscherte, war das "Gespenst der Wassernot" nicht gebannt. Bis 1950 kam es trotz Nachbesserungen der Gesamtanlage noch viermal zu Knappheiten. 1949 war die Klemme derart groß, dass man erneut Wasser von auswärts herkarren musste.

Endlich gewährleisteten weitere Investitionen des Verbandes die dauerhafte Versorgung: In jüngerer Zeit der Bau einer Direktleitung zum Erpfinger Hochbehälter, 1950 der Dazukauf des Langen Brunnens auf Stettener Markung oder 1993 der Anschluss an die Bodenseewasserleitung. (Wobei der überwiegende Teil des Erpfgruppenwassers weiterhin aus eigenen Quellen sprudelt.)

Endgültig vorbei war von hundert Jahren aber die Zeit der Raisle, Hülben und Zisternen, in denen man bis dato Regen- und knappes Quellwasser gesammelt hatte. Es kam auch nicht mehr zu Brunnen-Händeln und mitunter tragischen Unfällen.

Nochmals Kraus: "Die hohe Zahl der 30 Zisternen zeigt klar, was für einen Kampf die Bewohner Ringingens um die Wasserversorgung durchzustehen hatten. Dabei", fügte er hinzu, "ist noch kein Wort gesagt über die Schwierigkeiten (. . .) im Winter bei vereisten Pfaden von den halb eingefrorenen Brunnentrögen mit Schlitten und Gelten und Kübeln das kostbare Wasser von auswärts zu besorgen. Im Sommer freilich, wo man das Vieh zur Tränke an die Tröge treiben konnte, wo die Frauen und Mädchen mit Eimern und Kübeln am plätschernden Brunnen schwätzten und lachten, fehlte eine gewisse Romantik nicht. Aber die vollen Behälter auf dem Kopfe (. . .) heim zu balancieren war direkt ein akrobatisches Kunststück, das man heute kaum mehr kennt."