Erinnern Sie sich an Alica Kuster? Vor zweieinhalb Jahren verabschiedete die HZ die junge Starzelnerin auf große Fahrt. Mit der „Mein Schiff 2“ kreuzte sie mehrere Monate vor den Kapverden, den Kanaren, vor Westafrika und im östlichen Mittelmeer. Nicht als privilegierter Passagier, nein, als Crewmitglied im Schönheitssalon des Luxusliners, wo sie Männern die Haare schnitt, Frauen mit Cremes und Pflegemitteln schön machte.

Ja, gibt sie zu, anfangs nagte das Heimweh bitter in ihr, zwei Wochen nachdem sie abgefahren war, zog es sie zu Mama und Papa ins kuschelige Killertal zurück.

Das ist durchaus nachvollziehbar. Zum einen fiel ihr Geburtstag in diese Zeit. Man stelle sich vor, seinen Geburtstag auf einem riesigen Boot voll fremder Menschen feiern zu müssen. Ohne Familie, ohne Freunde! Und gleich darauf kam Weihnachten: kein Schnee, keine Breetle, keine Krippenausstellung, wieder keine Familie...

Alica hat das Schiff dann verlassen. Allerdings erst Monate später; durch ein Spalier von Kollegen und neuen Freunden schritt sie an Land, und war jetzt mindestens so bekümmert und traurig wie zu Beginn ihrer Dienstzeit.

Der Abschied fiel ihr schwer. Sie hält noch immer Kontakt und wenn sie morgen mit ausgestrecktem Daumen und das Gepäck in der Hand an der Pier stünde, würde der Kapitän sie sofort wieder an Bord nehmen. Das Angebot der Vorgesetzten, erneut anzuheuern, kam noch während der Fahrt.

Es war eine tolle Zeit, sagt die inzwischen 23-Jährige. Tagsüber wurde hart und konzentriert gearbeitet, sieben Tage die Woche ohne Unterlass. Und nachts wurde gefeiert, mal auf dem Schiff, mal in den Hafenstädten, an aufregenden Orten der Welt. Wie man so ein Pensum durchhält? Frage einer die Jugend.

Viele Erfahrungen hat sie gesammelt und verrückte Dinge erlebt: den ganz normalen Wahnsinn eines jeden Geschäfts in dem viele verschiedene Menschen ganz unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was eine Friseurin mit ihren Haaren machen soll.

Doch sie erlebte auch wirklich komplett ausgeflippte Sachen, etwa als der komplette Dampfer fünf Tage lang für Heavy-Metal-Bands und ihr Publikum reserviert war. Oder als die angesagtesten Disc-Jockeys Europas, darunter „Alle Farben“ und „Gestört, aber geil“, eine knappe Woche lang Party mit ihren Fans machten. Oder als das Schiff für die „Rainbow Tour“ von homosexuellen Paaren beiderlei Geschlechts gebucht war.

Während der Kreuzfahrt mit den Headbangern gab’s ein schwäbisches Wiedersehen: Kissin‘ Dynamite waren mit an Bord. Selbstredend bestanden die aus Burladingen, Gammertingen und Feldhausen stammenden Stars der Heavy-Szene darauf, von der Starzelnerin bühnenfein gemacht zu werden. Also ließ Alica ihre Kreativität spielen und verpasste Sänger Johannes Braun eine „Gretel-Frisur“: eng an den Hinterkopf geflochtene Zöpfe. Mit dem Erfolg, dass am Morgen nach der Show ein ganzer Schwarm von Frauen und Mädchen genau dieselbe Haartracht von ihr verlangte.

Auf dem Schiff, erzählt Alica weiter, wurde ihr klar, dass sie in keinem anderen Beruf arbeiten und dem Friseurhandwerk treu bleiben möchte – was andererseits schon immer klar gewesen sein dürfte, nachdem sie bereits als Kind mit der Schere leidenschaftlich gern an den eigenen Haaren herumschnippelte und sich ihre Strähnchen mit Filzstiften färbte.

Der Entschluss verstärkte sich, als sie nach ihrer Rückkehr eine Zeit lang für „aNovation“-Kosmetik durch Deutschland reiste, um in Schönheitssalons Stylistinnen zu schulen. Auch das sei eine lehrreiche Zeit gewesen, aber, wie sie feststellte, halt nicht „ihr Ding“. Im vergangenen Juni war der Vorsatz ausgereift, die Weltenbummlerin wollte sich selbständig machen, ein eigenes Geschäft eröffnen.

Wie man das anstellt? Kleinigkeit. Innerhalb von vier Monaten absolvierte sie den Meisterbrief und bei der Suche nach einem Standort kam ihr der Zufall zu Hilfe. In Bodelshausen hielt die Kreisbau Tübingen nach einer Mieterin für ein Ladengeschäft Ausschau. So wurde vor nun zwei Monaten in der Bachgasse 1 im „Alica Kuster Hair, Beauty, Make up“ Eröffnung gefeiert.

Inzwischen ist die Ladeninhaberin jeden Tag bis abends ausgebucht. „Arbeitszeiten wie auf dem Schiff“, lacht die 23-Jährige. Daher sucht sie Mitarbeiter. Sechs Stück möchte sie haben. Ganze sechs? Natürlich sechs, ist doch logisch, sie habe den Salon ja schließlich für genau diese Zahl eingerichtet, erklärt sie. Verrückt? Die zierliche, hübsche, ebenso charmant wie bescheiden auftretende Starzelnerin mag zwar auf den ersten Blick nicht wie das Schreckbild der durchsetzungsfähigen, knallharten, toughen Geschäftsfrau aussehen. Aber wer sich mit ihr unterhält, merkt schnell: Sie weiß, was sie will! Sie hat es ja auch hinlänglich bewiesen.