Burladingen Eine Stadt schlüpft aus dem Ei

Burladingen ganz groß auf der ersten Seite des Lokalteils der HZ. Würdig genug war das Ereignis ja auch – mit dem Mitternachtsschlag des 30. Juni 1978 durfte sich die Albgemeinde offiziell „Stadt“ nennen. Die Erhebung wurde am 5. August gefeiert, das große Stadtfest fand am 12. und 13. August desselben Jahres statt.
Burladingen ganz groß auf der ersten Seite des Lokalteils der HZ. Würdig genug war das Ereignis ja auch – mit dem Mitternachtsschlag des 30. Juni 1978 durfte sich die Albgemeinde offiziell „Stadt“ nennen. Die Erhebung wurde am 5. August gefeiert, das große Stadtfest fand am 12. und 13. August desselben Jahres statt. © Foto: Matthias Badura
Burladingen / Matthias Badura 30.06.2018
Vor 40 Jahren fieberte Burladingen seiner unmittelbar bevorstehenden Stadterhebung entgegen.

Es war vor exakt 40 Jahren, an der Wende vom 30. Juni auf den 1. Juli zerrissen Böllerschüsse den mitternächtlichen Himmel über Burladingen, die Glocken läuteten, auf dem Rathausplatz spielten Musikanten aller heutigen Ortsteile das Hohenzollernlied, Hunderte von froh gestimmten Menschen waren da und das Freibier floss in Strömen – Burladingen durfte sich ab diesem Augenblick offiziell „Stadt“ nennen. Der von dem Fotografenmeister Lothar Möller gefertigte Film zur Stadterhebung zeigt eindrucksvoll die Szenen auf dem Rathausplatz und einen Teil der wichtigsten Akteure, allen voran Bürgermeister Peter Höhnle.

Mit diesem Ereignis hatte es Burladingen – wohl erstmals – auf auf die Titelseite des Lokalteils der HZ geschafft. „Böller und Glockengeläut um Mitternacht“, prangte da in dicken Lettern.

Stürmische Zeiten

Vorausgegangen waren politisch stürmische Jahre. Zunächst hatte die Kreisreform die Gemüter erregt, doch war sie im Grunde ,nur’ die Einleitung der längst geplanten, viel tiefgreifenderen Gemeindereform. Die verlief alles andere als glatt. Wie in allen Teilen des Landes sträubten sich auch im Raum Burladingen die bis dato eigenständigen Kommunen, ihre Selbständigkeit ohne weiteres aufzugeben.

Doch nacheinander streckten auch die hartnäckigen Widerständler, allen voran Gauselfingen und Ringingen, vor dem Willen des Gesetzgebers die Waffen, zum 1. Januar 1974 waren acht der neun heutigen Stadtteile eingemeindet. Hörschwag, das Trochtelfingen zugeordnet worden war, kam erst im Sommer hinzu – auf eigenen Wunsch der Hörschwager, die diesen Wunsch vehement verfolgt und durchgesetzt hatten.

Neun Bürgermeister

Die Zentralgemeinde besaß jetzt neun Ortsteile mit neun Bürgermeistern. Es sei eine ungestüme, turbulente Zeit gewesen, erinnerte sich Alt-Bürgermeister Peter Höhnle dieser Tage im Gespräch mit der HZ.

In der heißen Phase der Eingemeindung sei er mehr als nur einmal heftig angegriffen worden – wobei ganz klar vergessen wurde, dass ja nicht Burladingen und Peter Höhnle die Reform erzwungen hatten, sondern die Landesregierung.

Manche Burladinger Bürger drückten das drastisch aus: Man wolle doch die Ortsteile gar nicht haben. Jetzt müsse man sie mit durchschleppen.

Die Eingemeindeten wiederum verwiesen auf Steuereinnahmen und Erträge, vor allem aus der blühenden Waldwirtschaft, die nun der Kernstadt zufließen würden. Da wurde von der einen Seite aufgezählt, was man alles in die Zwangsehe mitbringt, und von der anderen Seite gegengerechnet, was die Kerngemeinde jetzt an Infrastruktur in die angegliederten Ortschaften investieren müsse, Festhallen etwa.

Ratssaal zu klein

Zugleich, sagt Peter Höhnle, sei die Zeit unmittelbar nach der Eingemeindung auch eine schöne gewesen. Man habe im wahrsten Sinne des Wortes zusammenrücken müssen, nachdem der Burladinger Rathaussaal für den auf 30 Köpfe vergrößerten Gemeinderat zu klein geworden. Man musste Aufgaben lösen, Kompromisse finden, es habe, so der Alt-Bürgermeister eine Aufbruchstimmung geherrscht.

Erleichtert wurde den Teilgemeinden der Beitritt freilich  durch die Gemeindeverfassung, die den Dörfern eine eigene Verwaltung, einen Ortschaftsrat und die unechte Teilortswahl garantiert.

Erheblich mehr Einwohner

Burladingen war aber am 1. Januar 1974 nicht nur von zuvor 5500 Einwohnern auf 12 482 angewachsen, die Gemeinde prosperierte und war mit ihrer blühenden Textilindustrie ein Einpendlerzentrum, in dem es in einer Form wuselte, wie man es sich heute nicht mehr vorstellen kann, ein Ladengeschäft reihte sich ans andere. Auch verfügte Burladingen – Folge der Schulreform – über eine modernes Schulzentrum mit Schwimmbad und Festhalle. So sprach alles sprach dafür, dass die Gemeinde auch das Stadtrecht erhält.

Ganz groß gefeiert wurde das Ereignis am Ende der Sommerferien, am 12. und 13. August. Dieses erste offizielle Stadtfest bleibt denen, die es erlebt haben, in unvergesslicher, fast spektakulärer Erinnerung. Vereine aller Ortsteile hatten ihre Zelte und Stände und Kapellen in und entlang der Hauptstraße postiert, Tausende von Menschen drängten sich über die beiden Tage auf der Festmeile. Erneut landete Burladingen auf der ersten Seite des Lokalteils der HZ. „Kein Zweifel, die frischgebackene Stadt Burladingen erlebte Festtage wie noch nie in ihrer Geschichte“, las man auf der reich bebilderten Seite.

Lothar Späth eilt davon

Vom politischen Standpunkt aus gesehen war allerdings der vorangegangene Festakt am Samstag, 5. August 1978, noch spektakulärer. Der damalige Innenminister Lothar Späth war gekommen, um in der Festhalle vor Galapublikum die Stadturkunde zu überreichen. Das tat er auch, doch eilte er weit vor der Zeit davon. Er werde ein anderes Mal wiederkommen, versprach er noch schnell. Auch diese Szene ist im Möller-Film festgehalten und man spürt, dass da etwas Unvorhergesehenes im Gange war. Oder beinahe Unvorhergesehenes. Der Stuhl des damaligen Ministerpräsidenten Hans Filbinger hatte wegen dessen Vergangenheit als Nazi-Richter mit mehreren Todesurteilen schon in den Wochen zuvor gewackelt, an dem Tag kippte er endgültig. Späth erfuhr vom Rücktritt just in Burladingen und als designierter Nachfolger musste er nun sofort nach Stuttgart zurück und seine Angelegenheiten Rommel regeln.

In den Jahren danach wurden in Abständen weitere Stadtfeste und auch die Stadterhebungsjubiläen gefeiert. Zum jetzt anstehenden 40. Geburtstag gibt es bekanntlich keine Party, nicht einmal ein Festakt ist geplant.

Die Stadt hat sich seit 1978 stark verändert, das Stadtbild  stark gewandelt, die Textilindustrie ist verschwunden, viele Einkaufsmöglichkeiten auch. Noch immer gibt es hingegen die Firma Trigema, mehrere Metall- und etliche florierende Kleinbetriebe. Die Infrastruktur aller Ortsteile darf als gut bezeichnet werden. Darüber hinaus wird man sagen dürfen, dass die Ortsteile und die Bürger ein gutes Stück weit zusammengewachsen sind – bedingt durch gemeinsamen Schulbesuch in der Kernstadt und durch das Zusammenwirken der Vereine, zumal der Fußball-, Musik- und Narrenvereine.

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Bürgermeister zählte Burladingen seit der Stadterhebung. Bürgermeister Peter Höhnle bis 1994, Michael Beck, der bis 1999 amtierte, sowie bis dato Harry Ebert.

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