Ringingen Maßarbeit: Josef Rach sammelt Meterstäbe

Ringingen / Von Matthias Badura 13.10.2018
Der Ringinger Josef Rach besitzt zwei Kisten voller Meterstäbe. Jeder erzählt eine eigene Geschichte.

Darauf angesprochen war die HZ natürlich sogleich bereit, sich die Sache anzuschauen.  Aber mal ehrlich: eine Meterstab-Sammlung? Wer hat denn so was? Wen interessiert das? Meterstäbe sind doch einer wie der andere: aufklappen, zuklappen, fertig! Wer die Dinger sammelt, muss einen Piep haben.

Auf den ersten Blick wirkt der Fundus des Ringingers Josef Rach genau so unspektakulär, wie sich das der Laie vorstellt: Zwei Kisten, jede rund einen Meter lang, einen Meter breit und genauso hoch – beide voll mit Meterstäben, säuberlich auf- und nebeneinander gereiht wie die Fracht in einem Containerschiff. Von oben sieht man nur Striche und Zahlen.

Eben doch faszinierend!

Aber wenn der 54-Jährige erst einen, dann immer weitere „Meter“ aus seinen Kisten zieht und zu erzählen beginnt, dämmert eine neue Erkenntnis. Die lautet: Jede Sammlung, egal welche, hat etwas Faszinierendes, jede besitzt ihren Charme, birgt zahlreiche Geschichten, beinhaltet ein Stück Kultur, aus jeder kann man etwas lernen. So auch aus dieser.

Josef Rach ist Stukkateur. Als er etwa 20 war, begann er die  Meterstäbe aufzubewahren, die er auf Baustellen von Baustoff-Vertretern geschenkt bekam– während die meisten Kollegen üblicherweise eine Zeit lang damit arbeiten und sie dann ausgeleiert wegwerfen.

Heute besitzt der 54-Jährige über 1200 Stück dieser Messinstrumente. Die große Mehrheit stammt von Unternehmen, die sie als Werbegeschenke anfertigen lassen. Viele der Betriebe existieren jedoch längst nicht mehr. Damit verkörpert dieser Teil der Sammlung durchaus so etwas wie eine kleine Wirtschaftsgeschichte.

Josef Rach ist sich sicher, wüssten die ehemaligen Unternehmer und Mitarbeiter, dass bei ihm noch Zeugnisse aus der Blütezeit ihrer untergegangenen Betriebe schlummern – sie würden bei ihm anklopfen, mit der Bitte, ob er sie ihnen nicht überlässt. Was vergebene Mühe wäre. Da ist der Ringinger eisenhart. Nein, nicht einen einzigen seiner Lieblinge würde er hergeben, auch für viel Geld nicht.

Immer mehr Farben und Gags

Wie man beim Betrachten der einzelnen Exemplare erkennt, wurde das Design im Lauf der Zeit immer professioneller. Auf den ältesten Exemplaren steht gerade einmal der Firmenname, je jünger die Messstäbe werden,  desto aufwändiger gestalten sich die Farben und Motive, Fotos und Gags. Die neuesten darf man fast als kleine Kunstwerke bezeichnen.

Längst vorbei ist die Zeit, als Vertreter die Handwerker großzügig mit den Geräten ausstatteten. Heute lassen Firmen, Clubs, Geschäfte zumeist limitierte Auflagen für einen kleinen Kreis von Auserwählten herstellen. Da muss man als Stukkateur schon etwas bohren und appellieren, um einen zu bekommen. Oder über Beziehungen verfügen. Geld ausgegeben hat Josef Rach für seine Sammlung noch nie. Das lehnt er schlichtweg ab.

Eigentlich sind es Zollstöcke

Von Meterstäben war die Rede. Aber das ist eigentlich nicht richtig, ist sogar grundfalsch. „Zollstock“ lautet die offizielle Bezeichnung.

Unterschiedliche Arbeitsgruppen benutzen unterschiedliche Zollstöcke. Die Maurer etwa legen Wert auf Robustheit, Zimmerer und Schreiner dagegen, so Experte Rach, bevorzugen Instrumente, deren Scharniere (korrekt: Federglieder) sich schnell und flüssig aufklappen lassen.

Eine Liste über seine Reichtümer führt der Ringinger nicht. Er trägt alle Namen und Logos im Gedächtnis. Begegnet ihm draußen irgendwo ein Exemplar, weiß er sofort: den habe ich – oder den habe ich noch nicht.

Der 54-Jährige ist nicht der einzige Meterstabsammler. Ein Bekannter, ebenfalls Ringinger, habe sogar doppelt so viele, sagt der Stukkateur. Es dürfte zahlreiche Gleichgesinnte geben, eine regelrechte „Community“, möglicherweise sogar Tauschgemeinschaften und Börsen. Aber, wie gesagt, Rach sammelt nur, was er selbst persönlich erjagt oder geschenkt bekommen hat.

Da er von Freunden und Bekannten immer wieder Mitbringsel erhält und selber auch auswärts die Augen offen hält, ist in seiner Sammlung die ganze  Bundesrepublik vertreten.

Natürlich finden sich auch Kuriositäten wie ein WM-Jubiläums-Zollstock mit den Daten aller Fußball-WM-Endspiele. Nicht alle messen zwei Meter, manche sind doppelt oder nur halb so lang. Nicht alle sind aus Holz, die älteren teils aus Metall, die modernen überwiegend aus Plastik gefertigt. Und nicht alle zeigen Zentimeter und Meter an sondern … da muss man zuweilen etwas rätseln. Backsteinbreiten? Englische Zoll? Na, die speziellen Handwerker, die damit umgehen, werden schon Bescheid wissen.

Frauen bleiben eher kalt

Derweil nimmt die Faszination an Rachs Sammlung zu, je länger man in den Kisten stöbert, je öfter man auf bekannte und völlig unbekannte Namen stößt, je öfter man die Scharniere auf- und zuklappt. Der HZ-Fototermin dehnt sich zu einem ganzen Abend voll angeregter Unterhaltung. Im anderen Teil des Hauses kann man darüber allerdings nur die Köpfe schütteln.

Ehefrau Alexandra und die Töchter teilen die Leidenschaft für die „Meter“ des Familienoberhaupts in keiner Weise. In ihren Augen: Männerkram.

Doch dieses Schicksal teilt Rach wohl mit vielen Sammlern. Ein Glück für die Familienangehörigen, dass der Schatz nicht ganze Zimmer und Hausgänge einnimmt, wie etwa eine Flugzeugmodell-Sammlung. Ausgebreitet bedeckt er zwar den gesamten Boden des Arbeitsszimmers, aber aufgeräumt füllt er wieder nur die beiden Kisten. Unscheinbar. Bis der Ringinger Sammler seine Wunderkiste einmal wieder öffnet.

Premiere auf der Weltausstellung 1889

Geschichte Der erste Zollstock aus Metall wurde nach einer fast drei Jahrzehnte dauernden Entwicklung 1886 patentiert und auf der Pariser Weltausstellung vorgestellt. Danach trat er seinen Siegeszug an. Allerdings nicht in USA, dort messen die Handwerker mit Maßbändern. Auch in Deutschland dürfte der gute alte Meterstab allmählich verschwinden. Man misst heute digital mit dem Laser. Ältere Zollstöcke sind, wie Josef Rach demonstrieren kann, oft unterschiedlich lang. Das fiel wohl kaum auf, vor ein paar Jahrzehnten kam’s auf den Zentimeter nicht so genau an. Heute arbeitet man selbst in gröberen Gewerken auf den Millimeter genau.

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