Burladingen Gewerbe statt Römererbe

Südlich und nördlich der Bahnlinie soll das Burladinger Gewerbegebiet Kleineschle um ein zehn Hektar großes Gebiet erweitert werden. Die römischen Siedlungsreste unter den Wiesen und Äckern sollen kein Hindernis mehr sein. Foto: Hardy Kromer
Südlich und nördlich der Bahnlinie soll das Burladinger Gewerbegebiet Kleineschle um ein zehn Hektar großes Gebiet erweitert werden. Die römischen Siedlungsreste unter den Wiesen und Äckern sollen kein Hindernis mehr sein. Foto: Hardy Kromer
Burladingen / HARDY KROMER 03.03.2012
Gewerbe hat Vorrang vor dem römischen Erbe. Wenn das Burladinger Baugebiet Kleineschle gen Westen ausgedehnt wird, ist das römische Vicus, das unter den Wiesen schlummert, endgültig verloren.

Am westlichen Stadtrand von Burladingen füllt sich das Gewerbegebiet Kleineschle mehr und mehr. Aktuell wird neben dem "Fliegenden Glaser" der Baugrund für den Neubau der Ringinger Firma Hipp vorbereitet. Seit dieses Grundstück im vergangenen Jahr an das Werkzeugbau-Unternehmen verkauft worden ist, verfügt die Kernstadt über keine freien Gewerbeflächen mehr.

Der immer mal wieder diskutierten Erweiterung des Gewerbegebiets Kleineschle gen Westen in Richtung Wasserscheide stand das römische Erbe Burladingens in Gestalt eines Grabungsschutzgebietes im Weg. Jetzt ist dieses Hindernis überwunden. In Gesprächen mit dem Tübinger Regierungspräsidium hat die Stadtverwaltung erreicht, dass die bisher als Grabungsschutzgebiet eingestuften Flächen als Gewerbegebiet erschlossen werden können.

Um die Ausdehnung möglich zu machen, muss nur noch der Flächennutzungsplan geändert werden. Das soll in der März-Sitzung des Gemeinderats geschehen. Zusammen mit dem Änderungsbeschluss soll auch der Aufstellungsbeschluss für den notwendigen Bebauungsplan "Kleineschle III" gefasst werden.

Das Gewerbegebiet Kleineschle soll um eine rund zehn Hektar große Fläche erweitert werden, die im Süden von der B 32 begrenzt wird, im Norden nahe an den Solarpark auf dem ehemaligen Steinbruchgelände heranreicht, im Westen nicht mehr weit von der Wasserscheide entfernt ist und im Osten an die aktuellen Baugrenzen stößt.

Im Gegenzug dazu soll eine gut 17 Hektar große, nördlich vom Kleineschle gelegene Fläche im Waagrain, die bislang als Gewerbebau-Erwartungsland definiert war, aus dem Flächennutzungsplan herausgenommen werden.

Was eine gute Nachricht für alle expansionswilligen Unternehmer ist und auch den standortpolitischen Zielen der Gemeinderatsfraktionen entspricht, schmerzt all jene, die bislang noch Hoffnungen auf eine touristische Verwertung des großen Burladinger Römererbes gesetzt haben.

Unter den Wiesen und Äckern, die jetzt überbaut werden sollen, schlummern Überreste des römisches Dorfes (Vicus), das bis zum Ende der provinizialrömischen Zeit um die Mitte des dritten nachchristlichen Jahrhunderts Bestand hatte. Hier siedelten Angehörige der Soldaten, die in den beiden nahegelegenen Burladinger beziehungsweise Hausener Kastellen dienten, sowie Händler, Handwerker und Gastwirte. Im Vicus wurde bei früheren Ausgrabungen eine fünf Meter breite und etwa hundert Meter lange Straße mit sichtbaren Radspuren freigelegt. Entlang dieser Straße befinden sich mindestens 15 Gräber. Die langjährige Burladinger Volkshochschulleiterin und Rom-Expertin Dr. Brigitte Holzhauer sprach von einer Via Appia antica Burladingen - in Anspielung auf die römische Sitte, Grabmäler entlang der Ausfallstraßen anzulegen.

Bislang scheiterten weitere Ausgrabungen an den fehlenden finanziellen Mitteln der Denkmalpflege. Jetzt, so scheint es, müssen sich die Archäologie und alle daran geknüpften touristischen Ambitionen den harten ökonomischen Realitäten beugen.

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