Burladingen Diplom-Jodeln bei der Volkshochschule

So harmonisch wird bei der Burladinger Volkshochschule gejodelt: einige der Kursteilnehmer mir Leiterin Cordula Hermenau.
So harmonisch wird bei der Burladinger Volkshochschule gejodelt: einige der Kursteilnehmer mir Leiterin Cordula Hermenau. © Foto: Matthias Badura
Burladingen / Matthias Badura 11.05.2018
Jodeln ist alles, bloß nicht „traditionell“. Jodeln ist das, was man daraus macht: fröhlich, traurig, melodisch, schräg.

Vier Stunden dauerte der Jodelkurs der Burladinger Volkshochschule mit Cordula Hermenau. Über einen nicht geringen Teil dieser Zeit hinweg fürchtete man als Teilnehmer vor allem eins: dass ein Außenstehender in den Bauhofsaal hereinplatzen und einen sehen oder gar hören könnte, wie man gerade „Hiii hiii hiii“ kiekst oder „Hooo hooo hooo“ grummelt, mit weit ausgebreiteten Armen oder mit den kleinen Fingern zwischen den zusammengebissenen Zähnen. Man käme sich total bekloppt vor!

Wie bitte? Das macht nichts? „Nein“, versichert Kursleiterin Cordula (im Jodelkurs ist man per Du), „das macht gar nichts. Jodler sind alle bekloppt!“. Aber, fügt sie hinzu: „Nett bekloppt“.

Man braucht sich also nicht zu genieren, kommt sich aber stellenweise trotzdem lächerlich vor, wenn man Unverständliches lallt, nach Höhen in der Kehle fischt und nach Tiefen in der Brust schöpft, voller Mühe, Ton und Takt zu halten, oft gefährlich kurz davor, mit der Stimme umzu­kippen.

Aber Donnerwetter, wenn Cordula der Gruppe das eben Gesungene von ihrem Handy herunter vorspielt, dann kann man sich eines verwunderten Stolzes nicht erwehren: „Wow, so schlecht hört sich das ja gar nicht an. Sind wirklich wir das?“ So streckt die Beklopptheit ihre Tentakel aus. Während einer Pause erzählt die Kursleiterin, auch sie habe sich früher nicht vorstellen können, einmal dem Jodeln zu verfallen. Zwar sei sie ein waschechtes Bayernkind, aber vor allem ein progressiver Teenager gewesen. Volksmusik – alles Schund, alles Kitsch, alles bäh!

Viel später habe sie ein Musikfestival besucht, bei dem Workshops angeboten wurden. Von Ferne sei damals ein Gesang an ihr Ohr gedrungen, der sie elektrisierte. Da wollte sie mitmachen: „bei dem afrikanischen Chor“. Hier gebe es keinen „afrikanischen Chor“, erfuhr sie, als sie sich vorstellte. Was sie gehört habe, das sei der „Jodel-Workshop“. Cordula musste sich daraufhin eingestehen, recht eingeschränkte Vorstellungen vom Jodeln zu besitzen. Wenn Jodeln sogar „afrikanisch“ klingen kann, dann steckt in dieser Sangesweise offenbar mehr drin als glattgeölter Musikantenstadl. Das war’s. Seither jodelt die heutige Wahl-Öschingerin täglich schon in der Früh, gibt selbst Kurse, ersinnt und komponiert unaufhörlich eigene Jodler.

Jodeln, macht sie der Burladinger VHS-Gruppe deutlich, ist vielseitig, es gibt traurige und fröhliche Jodler, gezogene, rhythmische und a-rhythmische, sakrale und anzügliche, melodiöse und schräge. Man kann miteinander, nacheinander und gegeneinander jodeln. Was es einzig nicht gibt, das ist „traditionell“. Jodeln, so lernt man von Cordula, ist, was man daraus macht, Jodeln ist lebendig, Jodeln verändert sich im freien Gebrauch von Chor zu Chor und von Sänger zu Sänger.

Mit Theorie hält sich die Jodellehrerin jedoch kaum auf, sie gibt nur wenige technische Erklärungen, schlägt zielstrebig ihre Gitarre an, C- und G-Akkord: Mitsingen, heißt es jetzt. Und merkwürdig genug: Es funktioniert.

Cordula vermittelt in ihren Kursen nicht das schnelle, akrobatische Kunstjodeln, sie liebt vielmehr die Vielsitmmigkeit, die fließenden und gezogenen Töne. Theoretisch ist es von hier zum Schnelljodeln mit seinen irrwitzigen Registerwechseln nur ein kleiner Schritt, eigentlich kein Hexenwerk, aber man versteht schnell, was die Kursleiterin einem nahebringen will. Es geht um die Entfaltung des Klangs. So horcht man gebannt den Tönen hinterher und überlegt sich: In einem Treppenhaus oder in einer Kirche würde sich das noch viel geiler anhören. Die Beklopptheit greift um sich.

Das Schönste daran: Jeder kann jodeln. So wie jeder singen kann. Was naturgemäß auch bedeutet: Je besser die naturgegebene oder erlernte Stimmtechnik ist und je größer die Disziplin und Routine, desto besser klingt‘s. Bei einem vierstimmigen Jodler in der Spur zu bleiben – das erfordert schon Können.

Vier Stunden konzentriertes Jodeln sind für absolute Anfänger anstrengend, dem Septett im Bauhofsaal reichte es schon kurz vor der Zeit. Doch wenn man hinterher im Auto sitzt, kann man nicht anders, man jodelt gleich weiter. Tagelang verfolgen einen die Melodien. Bedenklich wird’s, wenn man nachts nochmal schnell den Computer hochfährt, um sich Cordulas Aufnahmen vom Kurs ein weiteres Mal anzuhören und ein bisschen mitzujodeln, leise, damit’s die anderen im Haus nicht hören. „Dammadu, Dammadu, Dammadudammadu“. Oder das Transistorlied: „Hol da Radio“.

Höllisch aufpassen muss man tagsüber, wenn man in Gedanken versonnen etwa in einer Einkaufsschlange steht und selbstvergessen „Gugu“ und „Ri di ri dijo dijä“ vor sich hinsäuselt. In dem Fall bleibt nur, den besorgt blickenden Nebenleuten zu erklären: „Sie brauchen keine Angst zu haben. Wissen Sie, ich bin Jodler. Ich bin bekloppt. Aber nett!“

VHS-Jodeln nochmal im November

„Das Jodeldiplom“ heißt ein Fernsehsketch des Komikers Loriot. In der Geschichte wird suggeriert, dass man an einem Institut ein Jodeldiplom erwerben kann – „Jodeln mit Jodel-Diplomabschluss“ als vollwertige Berufs­ausbildung. Es ist eine abstruse Story, die gleich mehrere Erscheinungen und Themen veralbert: die Volksmusik, das Bildungsbürgertum, die Emanzipation. Als Deutschland 1978 das erste Mal über diesen heute noch zum Piepen komischen Streich lachte, hätte man wohl kaum für möglich gehalten, dass in der Burladinger Volkshochschule einmal ein Jodelkurs angeboten wird. So überholt die Realität die Phantasie.

Und wie ist das nun mit dem Diplom? Leiterin Cordula Hermenau entschuldigte sich nach dem ersten Kurs vor Wochenfrist per Mail bei den Teilnehmern, begeistert über deren Talent habe sie ganz vergessen, die Urkunden auszustellen. Das werde sie aber beim Wiederholungskurs am Samstag, 17. November, von 11 bis 15 Uhr nachholen. Die Teilnahme sei Menschen, die vom Gesang und von Klang fasziniert sind, empfohlen. Vorbildung ist nicht nötig.

Anmelden kann man sich schon jetzt unter www.vhsburladingen.de; vhs@burladingen.de oder unter Telefon 07475/892-160.

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