Melchingen / MATTHIAS BADURA Brecht mochte sein Frühwerk nicht, nannte es ein "stinkendes Ei". Ob das Stück wirklich derart faul ist? Vielleicht gerät "Hans im Glück" unter Regisseur Christof Küster zum duftenden Überraschungsei?

Niemand weiß, was in Bert Brecht vorging, als er - ein junger Stenz von 21 Jahren, aber durchaus schon schreiberfahren - den "Hans im Glück" verfasste.

Vielleicht ist ihm die Figur während des Schreibens im Jahr 1919 entglitten, vielleicht entwickelte sie ein Eigenleben, die Brecht den Fortgang des Stückes diktierte statt umgekehrt? Dergleichen soll vorkommen, Autoren berichten immer wieder davon. Jedenfalls mochte Brecht das Frühwerk nicht. Der Held war ihm nachträglich gesehen wohl zu wenig tatkräftig, zu wenig gestaltend, bar jeden Tropfen aufbegehrenden Blutes, kein Weltveränderer, sondern ein Herumgeschubster, der sich klaglos in alle Erniedrigungen fügt.

Weitaus drastischer als der Vorbild-Hans aus dem Grimm'schen Märchen verliert Brechts Protagonist nach und nach alles, was er besitzt: seinen Hof, seine Frau, jegliches Hab und Gut. Doch bleibt er stets zufrieden, freut sich an dem, was ihm geblieben ist. Und seien es die Wolken am Himmel.

Brecht ließ das Werk niemals aufführen und auch andere konnten offenbar wenig mit dem Stoff anfangen. Erst 1998 gelangte die Uraufführung des "Hans im Glück" auf eine Bühne, nur drei Inszenierungen gab es seither insgesamt.

Nun haben sich Christof Küster und der Melchinger Lindenhof des Werkes angenommen, das in ihren Augen über ein enormes Potential verfügt. Zum einen, weil ihm, wie der Regisseur sagt, eine außerordentliche poetische, fast schon ergreifende Sprachkraft innenwohnt; zum anderen stelle sich im Hans auf subtile Art die Frage aller Fragen: Wie geht man mit seinem Leben um, wie sieht man die Dingen, wie tritt man seinem Schicksal gegenüber? Oder noch einfacher gefragt: Was ist Glück?

Dabei geht der sozialkritische Ansatz, den man bei Brecht sucht, nicht verloren: Es sind die Gierigen, die Nimmersatten, die einem braven Tropf, der an das Wahre, Gute und Schöne glaubt, das letzte Hemd vom Körper reißen.

Hans lässt alles Ungemach beinahe freudig über sich ergehen. Ist er also bloß ein Gimpel? So betrachtet liegt dem Stück eine Warnung inne: Seid auf der Hut, lasst euch nicht auf jenseitige Güter vertrösten, wehrt euch. Vielleicht ist dieser Tölpel-Hans aber auch weniger einfältig, als es auf den ersten Blick scheint. Warum soll er versuchen, Dinge aufzuhalten, die nicht zu ändern sind? Mag ihm also der Freund die Ehefrau ausspannen, mag sie mit ihm ziehen, wenn sie bei ihm, Hans, andernfalls nur unglücklich zurück bliebe.

Was Christof Küster über die Inszenierung preisgibt, macht wirklich neugierig auf dieses bislang wenig beachtete Werk eines der größten Dramaturgen deutscher Sprache. Zumal, salopp gesagt, auf der Bühne einiges los sein wird. Großaufgebot: Den Hans spielt Cornelius Nieden, Neuling in Melchingen; in Doppelrollen treten auf: Berthold Biesinger, Bernhard Hurm, Kathrin Kestler, Oliver Moumouris und Linda Schlepps. Viel Musik ist eingearbeitet, außerdem Videosequenzen, die die Handlung teils begleiten, teils, so versteht man Christof Küster, konterkarieren.

Info Premiere von Hans im Glück ist am morgigen Freitag, 4. März, im Lindenhof. Weitere Aufführungen ab Sonntag. Karten gibt es telefonisch unter 07126/929394, montags bis freitags von 10 bis 13 Uhr; E-Mail: karten@theater-lindenhof.de.