Melchingen/Reutlingen Das neue Lindenhof-Stück "Der Sonnenwirtle" wird am Freitag in Reutlingen uraufgeführt

Proben für den "Sonnenwirtle": Übermorgen wird Franz Xaver Otts Räubergeschichte in Reutlingen uraufgeführt. Foto: Theater Lindenhof
Proben für den "Sonnenwirtle": Übermorgen wird Franz Xaver Otts Räubergeschichte in Reutlingen uraufgeführt. Foto: Theater Lindenhof
Melchingen/Reutlingen / PETER ERTLE 27.11.2013
Außenseiter, Rebell, Teufelskerl: Das Theater Lindenhof inszeniert eine Bühnenfassung von Hermann Kurz Roman "Der Sonnenwirt". Am Freitag ist Uraufführung im Reutlinger Theater "Die Tonne".

Das Theater Lindenhof gratuliert dem Reutlinger Schriftsteller Hermann Kurz zum 200. Geburtstag mit der Inszenierung seines Romans "Der Sonnenwirt". Hauptfigur Friedrich Schwan erinnert in manchem an Schillers Karl Moor oder Kleists Michael Kohlhaas. Der Abend kann spannend werden. Wir waren bei einer Probe dabei.

"Sie müssten schon entschuldigen", sagt Regisseurin Olga Wildgruber, aber Feinarbeit an gut einstudierten Szenen gebe es heute nicht zu sehen. "Wir proben diesen Teil zum ersten Mal alle zusammen und zum ersten Mal mit Musik." Zumal die Schauspieler Instrumente spielen, die sie jetzt, sagen wir mal vorsichtig: nicht täglich bedienen. Der musikalische Leiter Wolfram Karrer am Akkordeon, ist der einzige echte Musiker. Sonst: Franz Ott spielt Bass, Gerd Plankenhorn E-Gitarre, Oliver Moumouris sitzt am Schlagzeug. Linda Schlepps greift zur Flöte - und zwischen den Szenen auch mal in die Tüte mit Studentenfutter: "Das soll ja gut fürs Gehirn sein."

Nein, es ist kein Musical, aber es wird viel gesungen in diesem Stück, das in zwei Teile zerfällt, auch bühnenbildtechnisch. Hier das Dorf. Und dort die Räuberbande. Bei Räuber denkt man im Theater automatisch an Schiller - und tatsächlich hat Schiller diesen Stoff auch schon mal zum Stück verarbeitet, 1786, "Der Verbrecher aus verlorener Ehre". Bevor ihn Hermann Kurz 70 Jahre später, 1854, zum Roman machte: "Der Sonnenwirt".

Der Roman einerseits und andererseits jene Theaterfassung, die Martin Schleker 1987 in Hayingen (und dann an der Landesbühne Esslingen) auf die Bühne stellte, diente dem Lindenhöfler Franz Ott, der ja mal aus dem Hayinger Theaterstall kam, als Grundlage für seine neue Fassung.

Ott hat viel recherchiert und dabei herausgefunden, dass auch Kurz viel recherchierte, auf Ämtern und Archiven zugange war. Denn "Der Sonnenwirt" ist im Kern Dokumentar-Theater, basiert auf dem Schicksal des Wirts Friedrich Schwan aus Ebersbach an der Fils, der unstandesgemäß heiraten will, aber von den engstirnigen Dorfkonventionen daran gehindert wird und so nach und nach zum Outsider und Kriminellen mutiert. 1760 wurde er in Vaihingen an der Enz hingerichtet. Autor Franz Ott sieht die Gründe für die Laufbahn des Sonnenwirts schon früher angelegt, steigt deshalb mit dem frühen Verlust der Mutter und dem Vaterkonflikt des Protagonisten ein.

Ein Blick auf die Bühne: Wir sind jetzt in der Szene, in der Friedrich türmt und seiner Geliebten vorschlägt, dem Ländle gemeinsam den Rücken zu kehren. Sie aber zaudert, zweifelt, traut der Zukunft nicht. Gerd Plankenhorn und Lindenhof-Jungschauspielerin Kathrin Kestler bringen das schon ganz ergreifend rüber in diesem frühen Probenstadium.

Die Szenen kämen in diesem Stück Schlag auf Schlag, alles sei gleich wichtig, man habe überhaupt keine Verschnaufpause, berichten Olga Wildgruber und Franz Ott, den vor allem fasziniert, dass Hermann Kurz seinen Roman zwar nicht auf Schwäbisch geschrieben hat, das Deutsch sei aber vom Duktus her absolut schwäbisch. Man sollte vielleicht hinzufügen, dass satzstellungs- und melodieschwäbisches Hochdeutsch nicht die einzige Sprache ist, die hier gesprochen wird.

Nein, es geht mitunter unverständlich zu, teils wird in Jenisch, Rotwelsch, Gaunersprache kommuniziert. Was die Musik betrifft, darf sich der Theaterbesucher auf eine Palette von Schubart bis Rap gefasst machen. Franz Ott hatte ursprünglich mehr harte, rockige, moderne Musik vorgesehen, nach Stand der Probendinge und Wolfram Karrers Konzept könnte sie etwas weicher ausfallen.

Die Probenzeiten sind begrenzt, denn alle im Team stehen abends in anderen Stücken auf der Bühne, "wir haben nur vormittags", sagt Franz Ott etwas bekümmert. "Das ist kein Problem, das wird", fährt Olga Wildgruber ihm strahlend in die Parade. Die bundesweit gefragte Regisseurin weiß, worauf sie sich eingelassen hat. Sie hat am Lindenhof bereits "Heimwärts nach Amerika" inszeniert.

Das Stück wurde zwar vom Reutlinger Kulturamt mitinitiiert und wird in Reutlingen ab Freitag die ersten Vorstellungen erleben, aber dann wandert es nach Melchingen hinauf - und von da in die Region.

Räubergeschichte und Volksstück - Melchinger Premiere ist am 27. Dezember