Ein arbeitsreicher Tag neigt sich dem Ende zu. Eigentlich könnte man jetzt sich aufs Sofa setzten und die Füße hochlegen. Doch für den heutigen Abend ist noch eine Wanderung mit Wilfried Schäfer und seinen Alpakas angesagt. Und irgendwie beschleicht einen ein komisches Gefühl. Es sieht zwar anmutig aus, wenn er mit seiner Herde durchs Dorf spaziert. Aber man hört so einiges: Spucken die nicht? Und - wer weiß: Vielleicht beißen die auch?

Man wird sehen. Wir machen uns jedenfalls auf den Weg zur Schäfer- Ranch auf dem Melchinger Köbele. Wilfried Schäfer wartet bereits auf seiner Koppel, und seine Tiere stehen am Zaun und begutachten mit ihren großen Augen neugierig die ankommenden Besucher. Wilfried heißt seine Gäste willkommen und erzählt, wie er zu seiner Herde gekommen ist. Angefangen hat alles bei einem Reha-Aufenthalt, als er bei therapeutischen Lama-Spaziergängen seinen jetzigen Hengst Prinz führen durfte. Der Melchinger war so begeistert, das er Prinz kaufte und eine Ausbildung als Coach für tiergestützte Intervention absolvierte.

Da Lamas Herdentiere sind, folgte bald darauf die Alpaka-Dame Wolke auf die Alb. Dass Wolke trächtig war, wusste Wilfried Schäfer beim Kauf nicht. So hatte er plötzlich drei Lamas. Jedes Jahr ist bei der Lama-/Alpaka-Familie Nachwuchs gekommen. Inzwischen kann Wilfried Schäfer eine kleine Herde mit sechs Tieren sein eigen nennen.

Bei den Lama-Spaziergängen, die der Melchinger anbietet, wird durch die Tiere die Bewegungsfreude der Menschen geweckt, die Bewegungskoordination gefördert und eine innere Balance erreicht. Soziale Kompetenzen wie Einfühlungsvermögen, Geduld und Rücksichtnahme werden ebenfalls geschult. Am Schluss seiner Ausführungen räumt der Tierhalter noch ein Vorurteil aus der Welt: "Meine Alpakas spucken nicht auf Menschen, es sei denn, sie fühlen sich bedroht. Oder aber ihr habt einen Apfel in der Tasche und wollt diesen mit Wolke teilen. Das geht gar nicht."

Dann darf sich jeder ein Tier aussuchen. Prinz, der Hengst und Chef der Herde, ist dem Chef der Familie vorbehalten. Der hat schließlich die Wanderung als Geburtstagsgeschenk bekommen. Wer sicher keinen Apfel in der Tasche hat, darf Wolke führen. Johanna, Camillo, Mariechen und Letare werden auf die anderen Familienmitglieder verteilt. Dann geht es los. "Achtet darauf, dass ihr das Halfter straff haltet", schärft Wilfried den Spaziergängern ein. "Wenn ihr nervös seid, werden es die Lamas auch."

Je länger wir gingen, umso ruhiger wurden wir und die Tiere. Es machte richtig Spaß, mit einem Alpaka an der Hand spazieren zu gehen, und man merkte nicht, wie die Zeit verging, geschweige denn wie viele Kilometer man schon gegangen war. Nach gut einer Stunde waren wir um die "Halde" herumspaziert und brachten die Alpakas wieder auf ihre Koppel. Schade, man hat sich schnell an sie gewöhnt. Und entspannter als ein Abend auf dem Sofa ist so ein Spaziergang mit den Alpakas allemal.