Konzert Zwischen den Kulturen

Sören Thies, Akkordeon und Gesang, präsentierte am Sonntag im PKC Musik jüdischer Künstler aus der Weimarer Zeit.
Sören Thies, Akkordeon und Gesang, präsentierte am Sonntag im PKC Musik jüdischer Künstler aus der Weimarer Zeit. © Foto: Susanne Yvette Walter
Freudental / Susanne Yvette Walter 02.10.2018

Zu den  Favoriten des Musikers Sören Thies gehören  jüdische Komponisten, die im Dritten Reich deportiert wurden. Alte Lieder, die manchem noch im Ohr klingen, Schlager, die früher die Spatzen von den Dächern pfiffen, Chansons und Klezmer-Musik werden unter seinen Händen am Sonntagabend im PKC in Freudental wieder mit neuen Leben gefüllt.

 Sören Thies aus Hamburg wurde die klassische Musik wohl in die Wiege gelegt. Seine Liebe zum Akkordeon entdeckte er   trotzdem erst mit 19 Jahren, dafür aber so heftig, dass ihn das Instrument seitdem ständig begleitet – auch nach Freudental, wo Thies am Sonntag ein einzigartiges Solokonzert gab.  Sören Thies weiß als Musikwissenschaftler und Völkerkundler, wie er sich sensibel gerade dieser Musik nähern kann, die wider das Vergessen, heute noch für viele faszinierend ist.

Zwischen Klezmer und Folk, zwischen Polka und Walzer, zwischen den Kulturen und den Jahrzehnten bewegt sich der 49-Jährige und hat dabei so viel zu erzählen: Er spricht Einzelschicksale von Komponisten an.  Thies war lange als Straßenmusiker unterwegs und begegnete anderen Künstlern aus Frankreich, England, Israel, Schweden, den USA und verschiedenen Ländern Osteuropas. Von ihnen bekam er entsprechende Impulse, um selbst kreativ weiterzuarbeiten.

In Freudental singt er selbst und spielt dazu in Deutsch, Jiddisch und Französisch. Dazwischen webt er so manches Instrumentalstück ein, das er in Anlehnung an Vorbilder aus den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts selbst komponiert hat. Heiteres trifft in seinem Konzert auf Melancholie. Eine Leidenschaft des erfahrenen Musikwissenschaftlers ist die Neuvertonung von Werken deutsch-jüdischer Dichter, die ohne ihn vielleicht schon in Vergessenheit geraten wären. Einen besonders innigen Bezug hat  Thies  zu Liedern in Jiddisch und Französisch.

Der Wandersmann, der schon im Kunstlied eine große Rolle spielt, begegnet dem Publkum auch hier. Im Klezmer liegt die Melancholie Osteuropas. Dem gegenüber stellt Sören Thies die heitere Leichtigkeit, wie man sie aus der Polka kennt. Beide begegnen sich und prägen einen Abend, der sehr unterschiedlichen Gefühlen Raum lässt. Hier zeigt sich einmal mehr, wie leicht Musik Grenzen überwinden kann.

Immer wieder ist es die Liebe, die aufflammt in verschiedensten Zusammenhängen. Deshalb hat Thies sein Konzert in Freudental   mit „Liebling, mein Herz lässt die grüßen“ überschrieben. Schon allein der Titel zeigt, woher der Wind weht bei diesem Konzert: So wie die Klezmorim verschiedene Impulse in ihre Musik aufgenommen haben, verbindet auch   Thies die Lieder des jüdischen Schtetls mit dem neuen Flair der Metropole, die  am Anfang des 20. Jahrhunderts zu pulsieren beginnen.

Sören Thies macht sich mit viel Engagement zum Anwalt für jüdische Künstler der Weimarer Zeit. Er holt vergessene Persönlichkeiten aus der Schublade und öffnet den „Stars von damals“ neu die Tür. So begegnen unter seinen Händen die Comedian Harmonists auf Tonfilmschlagern von Friedrich Hollaender oder Werner Richard Heymann. Kabarett-Songs von Curt Bry und Willy Rosen erklingen neben Texten von Mascha Kaléko oder Theodor Kramer – ein reizvoller Stilmix.

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