Geplant hat Kurt Sartorius seinen Vortrag über den schwärzesten Tag der Bönnigheimer Geschichte für die inzwischen abgesagte heutige Veranstaltung des Zabergäuvereins. Bei seinen historischen Recherchen und den 1984 geführten Interviews erinnert der Heimatforscher an die Zerstörung der Bönnigheimer Innenstadt am Samstag, 7. April 1945. Die örtliche Verteidigung hatte die Kampfhandlungen hervorgerufen. Es geht ihm weniger um die militärischen Ereignisse, „es geht mir vielmehr um die Einzelschicksale in der Stadt“, sagt Sartorius im Gespräch mit der BZ.

Der Kampfbericht des 4. tunesischen Schützenregiments 2/4 R.T.T. gibt Einblick in die damalige Situation. „Samstag, 7. April 1945 – Gegen 11 Uhr erhält der Bataillonschef Befehl, mit zwei Kompanien gegen Meimsheim vorzustoßen, wo sie weitere Befehle abwarten sollen. Die 6. Kompanie wird zur Verstärkung dem 3. Bataillon zugeteilt in Anbetracht der Kampfhandlung gegen Lauffen (da der am Morgen durchgeführte Angriff ohne guten Erfolg war). In Meimsheim wird der 5. und 7. Kompanie Befehl erteilt, bis nach Bönnigheim vorzustoßen.

„Der Führer hat’s befohlen“

Nach dem Tod von Bürgermeister Emil Henne, der am 3. März 1945 in Tübingen verstorben war, übernahm Karl Eisele das Amt des Bürgermeisters. Er ordnete die Evakuierung in den Welzheimer Wald an. Als eine Frau zu ihm sagte: „Ihr werdet doch Bönnigheim nicht verteidigen“, erwiderte er: „Der Führer hat‘s befohlen.“ Der Ortsgruppenleiter Gustav Glaser ließ am Abend des 6. Aprils den Volkssturm vor dem Rathaus antreten und drohte jedem mit dem persönlichen Erschießen, wenn er seinen Posten verlässt. Als es dann am anderen Tag losging, war er einer der ersten, der sich absetzte.

Doch auch Soldaten verteidigten Bönnigheim. Ludwig Zilinsky war als Oberleutnant Führer des II. Bataillons des Grenadierregiments 308 der 198. Infanteriedivision. Er berichtete: „Wir waren zu dieser Zeit etwa 50 Mann und hatten den Befehl, den Feind aufzuhalten.“ Auf die Frage, warum sie Bönnigheim verteidigt haben, da es doch nicht mehr kriegsentscheidend war, antwortete er: „Unsere Devise war, auch Krieg im Vaterland ist Krieg fürs Vaterland.“

Ein Melder beim Infanteriegrenadierregiment 326, der nicht namentlich genannt werden will, erlebte den Einmarsch im Raum Bönnigheim. Er bekam am 7. April den Auftrag, einem Granatwerferzug, der vermutlich der 13. Kompanie angehörte, folgenden Befehl zu übermitteln: „100 Amerikaner in Bönnigheim einmarschiert. Beschuss der Stadt Bönnigheim mit 100 Schuss der schweren Granatwerfer 12,6 cm.“ Er hatte jedoch die Entfernung falsch übermittelt, sodass die Granaten ins freie Feld einschlugen und keinen Schaden anrichteten.

Zunächst hat also nach der Verteidigung Bönnigheims die französische Artillerie nach Bönnigheim geschossen. Aber viel schlimmer für die Einwohner war es, dass nach der Besetzung die deutsche Artillerie in die Stadt geschossen und großen Schaden angerichtet hat.

In seiner Chronik „Feindüberfall auf Bönnigheim“ beschreibt Konrad Koppenhöfer: „Schrecken bemächtigte sich der Einwohner; sie flüchteten sich in den Keller; das eigene Leben zu retten. Weitere Einschläge erfolgten. Ein großer Teil der inneren Stadt gıng in Flammen auf, so das Haus des Kaufmanns Weber, das Haus des Ortsgruppenleiters (die Buchdruckereı), das Haus des Drechslermeisters Jung, das große Anwesen des Kaufmanns Krayl und weitere Gebäude, die dazwischen lagen. Jetzt griff das Feuer über die Hauptstraße hinüber und brachte das Haus des Kaufmanns Bechtel und das des Bauern Gotthilf Fried in Gefahr, die jedoch beide gerettet werden konnten. Dann erfasste das Feuer das Rathaus, den Schwanen mit Scheuer, den früheren großen Gasthof zur Krone, der den Laden des Konsumvereins, die Volksbank und das Anwesen des Bauern Bechtel in sich schloss, und fraß sich durch bis zur Grabengasse. Gerettet wurden durch ihre Besitzer außer den beiden angeführten Gebäuden das Gasthaus Hepperle zum Ochsen und das Haus des Flaschnermeisters Rometsch.“

Mit einem Seufzer gestorben

Das große Leid der Einwohner wird erst durch Berichte einzelner Zeitzeugen begreifbar. So berichtet Elise Mann vom Einschuss in den Keller ihres Hauses in der Seestraße: „Ich kam als erste zu mir und hielt meine Tochter Hannelore für tot, so wie alle anderen Mitbewohner auch. Ich ging zu Hannelore, die auf dem Schoß ihres Vaters saß und nahm diese auf den Arm, um mit ihr zu Tochter Erna nach draußen zu gehen. Diese fand ich dann auf der Kellertreppe liegend, umringt von Soldaten. Die Soldaten sagten, dass man ihrer Tochter nicht mehr helfen könne. Mittlerweile kam auch mein Mann hinzu, und die Soldaten trugen Erna Mann von der Treppe weg. Ihr konnte nicht mehr geholfen werden, da ihr beide Beine abgerissen waren. Meine Tochter Hannelore hatte sehr starke Schmerzen in den Beinen, in denen Splitter steckten. Ich bat die Soldaten, die Tochter zu verbinden. Aber in diesem Moment kam der Befehl, dass die deutschen Soldaten aus der Stadt abzurücken hätten. Erna schrie nach ihren Eltern. Mein Mann ging zu ihr, ich ging mit der Tochter Hannelore in den Keller zurück. Mit einem Seufzer starb Erna Mann, erst 18 Jahre alt.“

Fritz Zipperlen (geboren 1929) berichtet, dass der Beschuss von Osten, also von den deutschen Kanonen kam. „Die Franzosen – Fremdenlegionäre und Marokkaner – waren schon in Bönnigheim eingedrungen. Einer – ein Elsässer – kam mit vorgehaltener MP Zipperlens Kellertreppe herunter. Er schaute hinter die Fässer nach versteckten deutschen Soldaten. Unser Haus darüber brannte. Der Elsässer schrie: ,raus, raus’. Ich konnte damals nicht gehen, da ich Gelenk-Rheuma hatte. Der Elsässer trug mich die Treppe hoch und brachte mich und die anderen Kellerbewohner hinüber in den Josefskeller unter dem Haus Schöttle in der Bechergasse.“

Info Die Folgen der Kriegshandlungen am 7. April 1945 waren verheerend. 13 Einwohner kamen ums Leben, etwa 50 Gebäude brannten ab. Das barocke Rathaus im Mittelpunkt der Stadt wurde ebenfalls ein Raub der Flammen, mit ihm die Bestände des Stadtarchivs.