Es ist kurz vor acht Uhr am Morgen. Die Sonne ist noch nicht ganz aufgegangen, der Himmel ist stark bewölkt. An den Kirchheimer Steillagen sind bereits mehr als 20 Arbeiter fleißig und ernten die diesjährigen Trauben. Der Boden ist etwas rutschig, am Vorabend und in der Nacht hat es geregnet. Die Arbeiter tragen wetterfeste Schuhe und Jacken. Manche von ihnen sind mit Handschuhen und kleineren Eimern ausgestattet, andere mit großen Butten, die sie sich auf den Rücken schnallen.

Unter ihnen ist Frank Braun. Er und seine Familie besitzen in Kirchheim, unweit der Steillagen, einen eigenen Hof. Neben Kartoffeln und Äpfeln baut er auch Weintrauben an. „Die Steillagen habe ich 1989 von meinen Eltern übernommen“, erzählt er. Seit sechs Jahren ist nun auch sein Sohn dabei. Bei der Weinlese hilft er fleißig mit. An den Steillagen selbst werden schon seit Jahrhunderten Weintrauben angebaut.

25 Ar Steillagen

Die Ruhe in den Steillagen ist angenehm und beruhigend. Die Sonne kämpft sich mittlerweile durch die Wolken durch. Unterhalb der Weinberge wird der Neckar sichtbar. Es ist windig, das Wasser schlägt leichte Wellen. Weit und breit ist kaum etwas anderes zu hören, als die Gespräche und Kommandos unter den Arbeitern. Die Atmosphäre ist locker, jeder weiß, was er zu tun hat. Etwa 25 Ar Steillagen müssen abgeerntet werden. Die einen sammeln die Trauben, die anderen tragen sie zum großen Zuber, der oben am Weinberg steht. Die Sammler sortieren die voll ausgereiften Weintrauben in eine gesonderte Kiste. Aus diesen soll der Premiumtrollinger hergestellt werden. „Die durchgefärbten und gesunden Trauben werden sehr behutsam in die Kisten gelegt“, erklärt Frank Braun. „Sie werden später auch separat verarbeitet und vorsichtig von den Stielen getrennt. Auf einem Verleseband werden verdorbene Trauben nochmals von Hand aussortiert.“ Ziel dabei sei es, die ganze unversehrte Traube ins Fass zu bekommen. Bei einer beschädigten, offenen Traube trete bereits Aroma aus. Für den Premiumtrollinger werde aber genau dieses kräftige Aroma benötigt. Aus den restlichen Trauben werde dann der gewöhnliche Trollinger hergestellt.

Bereits 2012 hat Braun gemeinsam mit der Kellerei Stromberg Zabergäu, dessen stellvertretender Vorsitzender der Winzer ist, mit der Produktion dieses speziellen Trollingers begonnen. Insgesamt sechs Wengerter, alle Mitglieder der Weingärtner Stromberg Zabergäu, sind am Premium-Projekt beteiligt. Diese ernten dafür auf einer Fläche von insgesamt 1,2 Hektar rund 5000 Kilogramm Trauben. „Das ist dann auch ein Produkt, das seinen Preis haben muss“, so Braun. Dies sei nicht ganz so einfach, da Weintrinker einen niedrigeren Trollingerpreis gewohnt seien. „Wenn wir den Kunden aber erklären, wie die Herstellung abläuft, dann wecken wir Interesse und dann funktioniert es auch sehr gut.“

Der Premiumtrollinger zeichne sich vor allem durch die Dauer aus, in der sich Aromastoffe entfalten können. Geschmacklich mache das den Wein auch durch die Gerb- und Taninstoffe und die sehr geringe Restsüße „dichter, trockener und kräftiger“, erklärt Braun. „Auch die Farbe ist tiefdunkel, was man vom Trollinger eigentlich nicht gewohnt ist.“ Bei Blindverkostungen seien Kenner häufig überrascht, denn kaum einer käme darauf, dass es sich dabei um einen Trollinger handle.

Frank Braun läuft durch die Reihen, schaut nach dem Rechten und fragt, ob noch weitere Eimer benötigt werden. Volle Eimer werden in die auf den Rücken geschnallten Butten ausgeleert. Diese werden dann meist von den Männern bis nach oben getragen. Die alten Steintreppen sind steil und brüchig, die Erde feucht vom Regen und etwas rutschig. Die Traubensammler gehen meist in die Hocke, um die Früchte besser von den Reben abzwicken zu können. Mit der diesjährigen Ernte ist Frank Braun sehr zufrieden. „Die Menge und die Qualität sind super. Wir hatten kühle Nächte und sonnige Tage. Dazu noch genug Feuchtigkeit im Boden. So kann die Rebe die Mineralstoffe aus der Erde ziehen und in den Trauben einlagern. Das entfaltet dann das Aroma“, erklärt der Wengerter.

Die Arbeiter an den Steillagen wirken keinesfalls gestresst. Die Ernte erfolgt meist in Zweiergruppen, denn so könne man in einer Reihe gleich beide Seiten abernten. Zu den Steillagen fahren alle gemeinsam mit meist zwei bis drei Fahrzeugen, denn so sei man viel flexibler. Die Arbeit ist durchgetaktet und gut organisiert, zwischendrin wird gelacht und geschwätzt. Viele von ihnen helfen das ganze Jahr über am Hof der Familie Braun mit. Denn abgesehen von der Kartoffel- und Apfelernte ist nach der Weintraubenlese die Arbeit noch nicht getan. „Der Zyklus geht immer wieder von vorne los“, erklärt Braun.

„Im Winter, nachdem alle Blätter abgefallen sind, schneiden wir die einjährigen Triebe ab. Die Ruten bleiben. Aus deren Augen kommen im nächsten Jahr dann die neuen Triebe mit etwa ein bis zwei Fruchtständen pro Trieb.“ Im Sommer gehe das Team dann ein bis zwei Mal durch die Reihen, die Triebe oben an den Drähten zu fixieren und so eine Laubwand zu bilden. „Die Trauben bekommen so mehr Sonnenlicht ab.“

Insgesamt tausend Stunden Arbeit investieren Frank Braun und sein Team in den Weintraubenanbau auf einem Hektar Anbaufläche. Zum Vergleich: Maschinell bewirtschaftbare Anbauflächen in derselben Größe benötigen 300 Stunden im Jahr. Es sei wichtig die Pflanzen nicht nur für das nächste, sondern auch für alle folgenden Jahre zu erhalten. „Wir beobachten die Pflanzen sehr genau“, sagt Braun. So können auch Schädlinge auftauchen und die Trauben angreifen, wie die Kirschessigfliege, die erstmals 2014 ihr Unwesen trieb. „Diese Fliege sticht die Trauben, wenn sie sehr reif und ihre Häute dünn sind“, erklärt Braun. „Sie legen dann ihre Eier in die Traube und geben ein Sekret ab, das die Trauben essig-stichig macht.“ Einen latenten Befall habe es mal gegeben, welcher jedoch nicht weiter besorgniserregend war. Gerade aus diesem Grund sei eine regelmäßige Kontrolle wichtig. „Vor 30 Jahren schon waren unsere Flächen genauso fruchtbar wie heute.“

Die gesamte Landschaft in Kirchheim sei sehr vom Weinbau geprägt, weiß Braun. Aus diesem Grund biete er auch Veranstaltungen an, um Interessierten seine Arbeit zu zeigen und ihnen die Landwirtschaft wieder näher zu bringen. „Stadt und Land leben sich auseinander“, beobachtet Braun. „Die Diskussion mit dem Verbraucher ist dadurch abhandengekommen. Als Landwirte ist es unsere Aufgabe, diesen Diskurs und diese Verbindung wieder herzustellen.“ Frank Brauns Anliegen ist es auch, dem Verbraucher bewusst zu machen, dass es nicht immer das Produkt aus dem Ausland sein muss, das einen weiten Weg hinter sich hat und die Umwelt belastet. „Das Regionale zu unterstützen, bedeutet auch etwas für die Umwelt zu tun“, so Braun. „Auch wir Landwirte bekommen die Veränderungen des Klimas zu spüren und mir macht das Sorgen.“ Ein Umdenken und ein bewussterer Umgang mit der Umwelt seien nun wichtig. „Wenn es effektiv sein soll, geht es jeden etwas an. Man sollte sich jeden Abend fragen: Was habe ich heute für die Umwelt getan? Und was nicht?“.

Frank Braun zwickt mit seiner Schere selbst einen ganzen Fruchtstand ab. Die Trauben sind dunkel-violett, fast schwarz. Keine Traube ist von der Sonne vertrocknet, keine ist verdorben, alle glänzen sie und sind prall und saftig. Mit bloßem Auge, einem Wenden in die eine und andere Richtung weiß er: „Ja, die sind für den Premiumtrollinger.“