Bönnigheim / JÜRGEN KUNZ  Uhr
Ein schwunghafter Handel mit Marihuana und die Tatsache, dass bei einer Hausdurchsuchung ein Rucksack mit Amphetaminen, Gaspistole, Messer und Schlagring entdeckt wurden, brachte einen 26-Jährigen hinter Gitter.

Die Verzweiflung war dem 26-Jährigen aus Bönnigheim bei der Urteilsverkündung vor der Großen Strafkammer des Landgerichts anzusehen: Drei Jahre und sechs Monate muss er ins Gefängnis für den 26-maligen Verkauf von Marihuana, für den Handel mit Cannabis unter Mitführen einer Waffe und den gleichzeitigen Besitz von Amphetaminen und Kokain, was ihm als Beihilfe zum Handel mit diesen Drogen ausgelegt wurde. Dabei hätte es für ihn noch deftiger werden können. In seinem Plädoyer hatte der Staatsanwalt vier Jahre und zwei Monate Haft gefordert.

Es sei nicht ganz einfach gewesen, das richtige Strafmaß zu finden, betonte der Vorsitzende am Mittwoch. Denn obwohl die schwierige Jugend des inzwischen 26-Jährigen juristisch bei der Urteilsfindung keine Bedeutung habe, ging das Gericht dennoch darauf ein. Nach seiner Geburt in Deutschland trennten sich die Eltern, er wuchs bei seiner Großmutter in Jamaika auf, riss von zu Hause aus, hielt sich mit neun Jahren einige Zeit in New York auf, schloss eine Informatikerlehre ab, arbeitete als Koch - und erfuhr im Alter von 23 Jahren von seiner Mutter, dass sein Vater nicht, wie ihm von ihr versichert worden war, gestorben sei, sondern noch lebe. Durch seine Recherchen im Internet fand er seinen leiblichen Vater in Bönnigheim und beschloss dort seinen neuen Lebensmittelpunkt zu finden.

Er habe seit seinem 16. Lebensjahr regelmäßig Marihuana konsumiert, und von dieser Droge wollte er auch in seiner neuen Heimat nicht lassen. Von Oktober 2012 bis zu seiner Verhaftung ein Jahr später hat er seinen Konsum mit dem Handel von "weichen Drogen" finanziert. Auf die Schliche sind ihm die Beamten der Drogenfahndung im Rahmen einer anderen Ermittlung im September 2013 gekommen. Man habe rund 20 000 "Whatsapp"-Nachrichten (Kurznachrichten im Internet) gefiltert und dabei sei immer wieder der Spitzname des Angeklagten aufgetaucht, erklärte ein Bietigheimer Polizeiobermeister. "Ein sehr reger Personenbesuch" sei in dessen Bönnigheimer Wohnung von Zeugen beobachtet worden, so der Polizeibeamte weiter. Bei der Wohnungsdurchsuchung habe es auffällig nach Marihuana gerochen. Er würde "ab und zu einen Joint rauchen", habe der Angeklagte gegenüber den Beamten gesagt. Auf dem Balkon wurden die Drogenfahnder fündig: In einem Rucksack befanden sich 200 Gramm Marihuana, vier Gramm Haschisch, 231 Gramm eines Amphetamingemischs sowie eine Gasdruckpistole mit geladenem Magazin, ein Einhandmesser, ein Tapeziermesser sowie ein Schlagring.

Mit den Waffen habe er sich vor seinem Lieferanten schützen wollen, der auch das Amphetamin bei ihm deponiert habe, erklärte der Angeklagte beim Prozessauftakt am Freitag, 14. Februar. Am ersten Verhandlungstag hatte er sich zunächst wenig kooperativ gezeigt, erst nach einer Standpauke des Richters gab er sich geständig. "Zunächst unglaubwürdig" und sich "auf eine Klippe zu bewegend, die steil nach unten geht", so schätzte der Vorsitzende das Verhalten des 26-Jährigen zu Verhandlungsbeginn ein. Schließlich habe er sich aber glaubhaft geständig gezeigt und im Verhandlungsverlauf eine größere Menge an verkauftem Marihuana zugegeben, als ihm in der Anklageschrift zur Last gelegt worden war: Statt 260 hatte er 625 Gramm beim Verkauf eingeräumt sowie 260 Gramm für den eigenen Bedarf.

Ein ungewöhnlicher Fall, von einem 26-Jährigen - der eher ein Heranwachsender sei - mit drei verschiedenen Drogen und vier verschiedenen Waffen, sagte der Vorsitzender. Dennoch war das Gericht davon überzeugt, dass der Angeklagte das gefundene Amphetamin für seinen Lieferanten aufbewahrt habe, auch wurde ihm zugute gehalten, dass das Magazin sich nicht in der Gaspistole befunden habe. "Der Angeklagte hat Einsicht und Reue gezeigt", erklärte der Vorsitzenden und dennoch habe er einen Kreislauf in Bewegung gebracht, bei dem man nicht wisse, ob die von ihm an Kumpel und Freunde verkauften Drogen nicht letztendlich bei 13- oder 14-Jährigen landeten.

Das Urteil soll, so der Richter, eine Mahnung an den Angeklagten und sein Umfeld sein. In etwa 14 Monaten könne er seine freiwillige Drogenentwöhnungstherapie beginnen, und er solle einen Neubeginn wagen. Außer zum Vater habe der 26-Jährige keine gefestigten Familienbeziehungen gehabt, da sei es traurig, dass diese Bindung durch seinen Drogenhandel nun auf Eis liege, sagte der Richter.