Es sind die vier Kreuze an der Landesstraße 1107 vor und hinter Erligheim, die Dr. Jürgen Pirrung besorgt gemacht haben. Ist es normal, dass auf einer so kurzen Strecke so viele Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben kommen? „Ich habe da mal die Statistik bemüht“, erklärt er. Das Statistische Landesamt hat eine Übersicht sämtlicher Unfälle auf allen Straßen in Baden-Württemberg seit 1950 erstellt. Pirrung hat sich nun den Zeitraum der letzten 20 Jahre angeschaut: „Bei gut 27 000 Straßenkilometern in Baden-Württemberg kam es zu insgesamt 12 090 Unfällen mit Todesfolgen“, sagt er. Das bedeutet, dass im Durchschnitt alle zwei bis drei Kilometer ein Unfall mit einem Getöteten passiert ist.

Ergänzend hierzu hat das Statistische Bundesamt die Unfälle mit Todesfolgen im gesamten Bundesgebiet erfasst. Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit auf einer Landstraße innerhalb und außerhalb der Ortsschilder bei einem Unfall getötet zu werden bei drei Kilometern.

Was heißt das nun für die kurze, von Jürgen Pirrung gemessene Strecke mit rund 3,2 Kilometern zwischen den Ortsschildern von Bönnigheim und Löchgau? Dort gab es nach Angaben der Polizeidirektion Ludwigsburg seit 1. Januar 2010 zwölf Unfälle mit vier Getöteten. „Von einer Häufung können wir daher nicht sprechen“, sagt Yvonne Schächtele, deren Pressesprecherin, und betont: „Das liegt auch daran, dass die Unfälle an unterschiedlichen Örtlichkeiten passiert sind.“ Ein Getöteter wurde beim Überqueren der L1107 in Erligheim von einem Auto erfasst, zwei junge Leute starben zwischen Löchgau und Erligheim bei einem Unfall und der letzte Unfall ereignete sich zwischen Bönnigheim und Erligheim. „Damit liegt die Wahrscheinlichkeit zwischen Löchgau und Erligheim getötet zu werden, etwa einen Faktor zehn über dem Durchschnitt der baden-württembergischen Straßen“, stellt Pirrung fest und fragt: „Wird so etwas von den Gemeinden und dem Landratsamt übersehen?“

Geht man noch weiter zurück, finden sich in den Jahren zwischen 1999 und 2009 weitere Unfälle mit drei Getöteten. Sieben Tote in 20 Jahren und dazu noch einige Schwerverletzte sind für Pirrung eine statistische Auffälligkeit: „Hier wird ein Wert von rund 2,2 Todesfällen pro Kilometer erreicht und da sollte schleunigst reagiert werden, bevor der nächste tödliche Unfall passiert“, so die klare Meinung des Erligheimers.

Reagiert hatte die Straßenbauverwaltung des Landes schon einmal: Der Umbau der „Todeskuppe“ zwischen Erligheim und Bönnigheim wurde unter anderem wegen der spektakulären Proteste von „Remstalrebell und Bürgerrechtler“ Helmut Palmer Ende der 1970er-Jahre im Juli 1980 vollendet. Doch bald fragten sich Bürgerinnen und Bürger, ob daraus eine gut ausgebaute Rennstrecke geworden sei.

Ein weiterer Umbau mit einer Entschärfung ist 1984 verzeichnet. Doch reicht das angesichts des steigenden Verkehrsaufkommens und der beunruhigenden sowie erschreckenden Zahlen? Erligheims Bürgermeister Rainer Schäuffele ist zurückhaltend: „Das Landratsamt sagt, dass es kein Unfallschwerpunkt ist“, stellt er fest. Die Straße sei relativ übersichtlich und dem Fehlverhalten von Einzelnen könne man nicht beikommen. „Ob Handlungsbedarf besteht, wollen wir diskutieren, sobald die Fachabteilungen des Landratsamts und die Polizei Stellung genommen haben“, versichert er. Der Gemeinderat wolle fundierte Zahlen. Nach dem tödlichen Unfall 2017 habe das Landratsamt eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Strecke nach Löchgau geprüft und abgelehnt.

Markus Klohr, Pressesprecher beim Landratsamt, sagt: „Uns ist aktuell kein Straßenabschnitt bekannt, der zu besonders vielen Unfällen mit Todesfolge geführt hätte.“ Die L1107 zwischen Löchgau und Bönnigheim sei in den letzten Jahren nicht als Unfallschwerpunkt gemeldet. Erfasst werden von der Polizei alle Unfälle pro Jahr.

Bei Unfällen mit Personenschäden werden die Unfallorte über drei Jahre beobachtet und ausgewertet. Eine Unfallhäufung liege bei fünf Unfällen innerhalb von 36 Monaten und das sei nicht gegeben.

Jürgen Pirrung schüttelt darüber den Kopf. „Korrekt wäre es, die Häufung der tödlichen Unfälle auf die Streckenlänge zu beziehen und sie dann mit dem Durchschnitt des Landes oder des Bundes zu vergleichen“, sagt er. „Es kann doch nicht sein, dass Unfälle mit Todesfolgen aus dem Gedächtnis der Behörden nach kurzer Zeit verschwinden.“