Lesung Das Leben von Mia Hesse im Bönnigheimer Schloss

Eva Eberwein erzählte im roten Salon des Schlosses Bönnigheim viel über die erste Ehefrau von Hermann Hesse, Mia Hesse.
Eva Eberwein erzählte im roten Salon des Schlosses Bönnigheim viel über die erste Ehefrau von Hermann Hesse, Mia Hesse. © Foto: Martin Kalb
Miriam Staudacher 31.10.2016

Das schien mir in jungen Zeiten schön und möglich: mit einem lieben Menschen lebenslang Hand in Hand denselben Weg zu gehen. Dann sah ich, dass jeder seinen Weg hat, jeder einen anderen; unvermerkt gleitet man auseinander.“ So beschrieb Hermann Hesse schon Ende 1907 seine sich verändernde Beziehung zu Maria („Mia“) Bernoulli, die er vier Jahre zuvor geheiratet hatte. In der Tat führten die beiden Künstlerpersönlichkeiten eine nur in der ersten Zeit glückliche, später zermürbende Beziehung.

Starke Persönlichkeit

Über das Leben der ersten Ehefrau Hermann Hesses, die knapp zehn Jahre ältere, aus einer angesehenen Basler Familie stammende Maria Bernoulli, genannt Mia, referierte im Roten Saal des Schlosses Eva Eberwein. Die ausgewiesene Mia-Hesse-Expertin porträtierte eine starke Persönlichkeit, die ihrem Ehemann zuliebe nicht nur die eigene Berufstätigkeit aufgab, sondern auch fast an dieser Verbindung zerbrach.

Die Diplom-Biologin Eberwein ist die Eigentümerin des Hermann-Hesse-Hauses in Gaienhofen am Bodensee, wo sie im Sommerhalbjahr interessierte Besucher durch die liebevoll restaurierten Zimmer führt. In den Wintermonaten reist Eva Eberwein durch die Lande, um ihr Wissen über die Familie Hesse weiterzugeben. Und um auf das außergewöhnliche Schicksal der Mia Hesse aufmerksam zu machen. „Denn nachdem ich das Haus am Bodensee, in dem Mia und Hermann Hesse von 1907 bis 1912 gelebt hatten, erworben hatte, musste ich feststellen, dass es quasi überhaupt keine Informationen über diese interessante Frau mit ihren vielen Begabungen gab“, sagte Eva Eberwein in ihrem Vortrag. Im Hermann-Hesse-Editions-Archiv wurde sie dann fündig. „Dort lagerte ein Karton mit 600 von Mia Hesse verfassten Briefen, die anschließend in jahrelanger, aufwändiger Arbeit aufbereitet wurden.“ Dass diese Arbeit nicht alleine bewältigt werden kann, wurde Eva Eberwein schnell bewusst. „Auf meine Initiative hin hat sich die Forschungsgruppe Mia Hesse, ein Team aus Experten der verschiedenen Fachrichtungen, gegründet“, so die Initiatorin.

„Dieses Team aus Experten transkribierte die in Sütterlinschrift verfassten Briefe, beschäftigte sich mit den medizinischen und psychologischen Aspekten, suchte die professionellen Spuren, die die Fotografin Mia Hesse hinterlassen hat und schuf so ein ganzheitliches Bild einer Frau, die an den seelischen Belastungen als Ehefrau eines aufstrebenden Autors, dreifache Mutter und Vorsteherin eines großen Haushaltes fast zugrunde ging. „Das war keine leichte Arbeit“ bekannte Eva Eberwein freimütig.

Eindrucksvolle Zeugnisse

„Unsere Emotionen schwankten zwischen Trauer, Wut und Zorn, denn wir fragten uns ständig ‚Warum sprach niemand über diese Frau?‘ Das wollten wir ändern!“ Die Briefe, aus denen Eva Eberwein mit akzentuierter, wohlklingender Stimme vortrug, sind eindrucksvolle Zeugnisse einer Frau, der es schwerfiel, sich auf sprachlicher Ebene auszudrücken. „Sie drückte ihre Befindlichkeiten eher in der Musik aus“, klärte Eva Eberwein auf und las die entsprechende Passage aus einem Brief Mia Hesses: „Ich habe heute abend wieder Chopin gespielt – es war so grade, was ich brauchte und hat meinem stummen Fühlen zum Ausdruck verholfen.“ Dem Pianisten Nikolay Denev gelang es durch seine mit zarter Hand gespielten Nocturnes und Soloklavierstücke des von Mia Hesse geschätzten Komponisten Frédéric Chopin die Allgegenwart dieser Frau spürbarer werden zu lassen.