Mit so vielen Gästen im Garten der früheren Röckervilla hatte Karl-Henning Seemann dann doch nicht gerechnet, zumal bei den hochsommerlichen Temperaturen. Etwa 90 Kunstinteressierte kamen zur Führung des Künstlers, die Teil des "Praxistags" des SPD-Landtagsabgeordneten Thomas Reusch-Frey war. Der inzwischen 81-jährige und aus Wismar stammende Professor, der seit gut 40 Jahren in Löchgau lebt, zeigte sich "bewegt und gerührt" ob des Interesses, das ihm da entgegenschlug. Auch ein wenig Lampenfieber sei dabei, wie er gestand, das der Künstler aber mit Witz und Eloquenz schnell ablegte.

Seemann erzählte aus seinem Werdegang, wie er früher in Berlin mit der Moderne und Picasso oder Henry Moore in Berührung kam. Und auch mit allem, was als entartete Kunst galt und im Osten als Normalismus vertreten war. Am Beispiel des Zinkschwenkers erklärte der Künstler eines seiner Arbeitsprinzipien: Was Lessing als den "fruchtbaren Augenblick" bezeichnet, wolle er festhalten, jenen Moment in dem man sieht, was gewesen ist und was entsteht.

Diese sogenannte Transitorik erklärte er nicht nur am Beispiel seiner Reiterkämpfer, sondern auch anhand eines Entwurfs für die Stadt Ludwigsburg: Die ursprünglich mit neun Metern geplante Fontäne aus den Weltreligionen wurde damals nach einigen Protesten über die Kosten abgelehnt und steht nun als Gipsentwurf im Hof des Künstlers. Im Atelier gibt es Lastkräne, die die schweren Stücke transportieren können. Momentan entsteht dort ein Pegasus, den Seemann zusammen mit einem Löchgauer Schmied fertigt.

Sein Kugelstoßer und auch sein stark abstrahierter Diskuswerfer entstanden nach dem gleichen transitorischen Prinzip und zeigen Bewegung im Raum. Stabilität bekommen sie durch das darunter liegende Stahlgerüst und entsprechende Sockel, wie der Künstler erläuterte.

Gut erinnere er sich noch an die Diskussionen, die seine Skulptur mit dem vermeintlich prügelnden Polizisten beim Polizeigebäude entfacht hat. Auch seine Arbeit am Staffelläufer, der für ein Fernmeldeamt war, ist ihm bestens in Erinnerung.

Mit diesem symbolisierte er die Nachrichtenübermittlung in ursprünglicher Form und so wie sie entstand. Dass er kein "Quatschmacher" ist, obwohl manche seiner Arbeiten auch Humor beinhalten, bekam eines Tages ein Auftraggeber zu spüren, wie Seemann erzählt: Eine Figur, die einen "Dorfdeppen" symbolisieren sollte, habe er als Auftragsarbeit eines Bürgermeisters abgelehnt. Die Begründung: Diese bedauernswerten Personen hätten es schwer genug im Leben.

Eine der wichtigsten Arbeiten Seemanns hängt direkt am Tor zum Atelier: Seine Arbeit für die St. Georgskirche in seiner Heimatstadt Wismar: In S-Kurven drückt sich hier Bewegung aus - in einem Gastmahl, in dem die Hungernden von der Straße eingeladen werden.

Gleich daneben rettet auf einer anderen Arbeit Christopherus ein Kind aus einem Meer an Flüchtlingen. Zum Thema Löchgauer Torbogen erläuterte Seemann den rein technischen Bogen mit der Sonne als Hinweis zur Entstehung. "Ich werde aber einen Teufel tun, Ihnen die Figuren zu zeigen bevor ich sie dem Gemeinderat gezeigt habe", erklärte der Künstler schmunzelnd.

An der Kirche ging es mit der Gruppe anschließend vorbei bis zur neu gestalteten Zehntscheuer, wo die Führung endete.