Türkei Türken glauben: „Jetzt wird alles noch besser“

Mit dem Wahlergebnis in der Türkei zufrieden (von links): Yasin und Hava Sarikaya, Yasemin und Salim Erkus sowie die Ladeninhaber Alpaslan und Özlem Özaltun.
Mit dem Wahlergebnis in der Türkei zufrieden (von links): Yasin und Hava Sarikaya, Yasemin und Salim Erkus sowie die Ladeninhaber Alpaslan und Özlem Özaltun. © Foto: Helmut Pangerl
Kirchheim / Mathias Schmid 26.06.2018

Montagmorgen, kurz nach zehn Uhr im türkischen Supermarkt Özaltun in Kirchheim: Besitzer Alpasan Özaltun und seine Frau Özlem empfangen die ersten Kunden des Tages. Das Thema ist natürlich die am Sonntag abgehaltene Wahl in der Türkei. Dass Recep Tayyip Erdogan als Staatspräsident bestätigt wurde, begrüßen Ladenbesitzer und Kunden. Auch die Familien in der Türkei seien glücklich. Alle vertrauen darauf, dass sich nun wieder alles beruhigt – auch dank des neuen Präsidialsystems.

Alpaslan Özaltun hat selbst für Erdogan als Präsident gestimmt – vor allem, weil dieser in den vergangenen 20 Jahren bereits viel bewirkt habe. „Es gab viele Fortschritte unter ihm. Die Situation der Bürger ist besser geworden, es gibt mehr Wohlstand und Erdogan kämpft erfolgreich gegen Terroristen“, meint Ehefrau Özlem Özaltun, die als deutsche Staatsbürgerin nicht selbst wählen durfte. Während Experten prophezeien, dass durch die Regentschaft Erdogans immer mehr Kapital und kluge Köpfe ins Ausland abwandern, sind die Kirchheimer Ladenbesitzer der Überzeugung, dass die Türkei durch die Verfassungsänderung „stärker und sicherer“ wird. So sehen es auch ihre Familien in der Türkei.

Die Bedenken, dass die Verschmelzung von Präsident und Ministerpräsident vor allem die Gefahr von politisch nicht legitimierten Alleingängen Erdogans mit sich bringe, sehen die beiden Ladenbesitzer nicht. Özlem Özaltun freut sich stattdessen über eine „einheitliche Regierung“ und verweist auf Deutschland und die Probleme in der GroKo. „Das Koalitionsproblem wird es in der Türkei nicht geben. Solche Probleme werden wir nicht haben.“ Schädlich für die Demokratie sei das nicht.

Salim Erkus und seine Frau Yasemin kommen dazu. Der deutsche Staatsbürger, überzeugter SPD-Wähler, ist ebenfalls überzeugt: „Jetzt beruhigt sich alles. Das neue System ist wichtig und positiv für die Demokratie.“ Auch er sieht am neuen System nicht die Gefahren – beispielsweise, dass Erdogan mehr Einfluss auf die Justiz nehmen kann oder sich seine Macht als  Staats- und Ministerpräsident in Personalunion verstärkt, sondern glaubt an Fortschritte: „Das Parlament hat jetzt mehr zu sagen. Dort ist die Opposition vertreten.“

Glaube an Annäherung

Die Diskussionsrunde an der Kasse wird durch Yasin und Hava Sarikaya erweitert. Yasin Sarikaya ist als Kurde ebenfalls zufrieden: „Es könnte nicht besser sein“, meint er zum Ergebnis. Seine Frau fügt an: „Es wird immer so dargestellt, als ob wir (Kurden und Nicht-Kurden, die Red.) uns hassen. Aber das ist nicht so.“ Erdogan verfolge nur die Terroristen. Und dazu gehörten eben auch Kurden. Das Ehepaar habe sich politisch sogar „bei Erdogan gefunden“, nachdem sie zuvor politisch in unterschiedliche Richtungen gedacht hatten. Mehmet Ytgin, Kurde, findet ebenfalls: „So ist es gut.“ Kurden hätten in der Türkei viel falsch gemacht. „Der radikale Teil macht viel kaputt.“

Jetzt, da die Wahlen vorbei sind, glaubt die Gruppe an eine Wiederannäherung zwischen der EU und der Türkei. „Die Beziehung muss besser werden“, betont Salim Erkus. Er ist seit 40 Jahren in Kirchheim, war 12 Jahre lang Jugendtrainer im Fußballverein. Der Konflikt zwischen alter und neuer Heimat schmerzt ihn. „Wir müssen kommunizieren.“ Derzeit hätten aber auf beiden Seiten beispielsweise „die Medien voll die Ellbogen ausgefahren“. Hava Sarikaya spricht sogar von einer „Hetzpolitik“ auf deutscher Seite gegenüber Erdogan und seiner Politik.

Warum Erdogan in Deutschland und Europa deutlich mehr Zustimmung erfährt als in seinem Heimatland, darüber können die Ladenbesucher nur spekulieren. Vielleicht weil hier verhältnismäßig wenige ehemalige Bewohner aus der Ost-Türkei leben, glaubt Salim Erkus. Möglicherweise aber auch, weil die Türken in Europa oft zu Familien gehören, die in der Türkei dem konservativen Mittelstand angehören würden, erörtert er weiter. Jene Gruppe, die am treuesten zu Erdogan hält, weil er für sie viele Verbesserungen erwirkt hat.

Angesprochen auf die unzähligen Menschen, die Erdogan nach dem gescheiterten Putschversuch 2016 verhaften ließ, werden die Lobeshymnen auf den Staatspräsidenten ein wenig leiser. „Es sind bestimmt auch welche im Gefängnis, die unschuldig sind. Aber wie würde Deutschland reagieren bei so etwas?“, meint Özlem Özaltun, „Die Regierung wird schon ihre Gründe haben.“

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