Freudental Stiftungsrede: Gemeinsam weiter zusammenwachsen

Rabbiner Dr. Jehoschua Ahrens hielt die Stiftungssrede im PKC.
Rabbiner Dr. Jehoschua Ahrens hielt die Stiftungssrede im PKC. © Foto: Susanne Yvette Walter
Freudental / Von Susanne Yvette Walter 05.02.2019

Im Pädagogisch-Kulturellen Centrum Freudental (PKC) stand am Sonntagnachmittag beim 34. Stiftungsfest ein Gedanke im Zentrum: Die Erneuerung des jüdisch-christlichen Dialogs. „Wir müssen auch in unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft immer wieder neu lernen, für andere Denk- und Lebensweisen offen zu sein“, mahnte Landrat Dr. Rainer Haas. Nur so könne Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus besiegt werden.

„Dialog und Toleranz sind die Säulen, die Grundfesten unserer Gesellschaft“, betonte der Landrat ebenfalls in seinem Grußwort. Beides werde „gerade heute, in einer Zeit der verstärkten Wahrnehmung von Partikularinteressen und der Intoleranz, wieder bedeutender“, so Haas. Er sei „froh, dass wir mit dem Pädagogisch-Kulturellen Centrum im Landkreis eine Heimstätte dafür haben“, fügte der Landrat hinzu. Genau das sei der Kern des Bildungsauftrags im PKC.

Einen besonderen Schwerpunkt der Pädagogischen Ausrichtung, so Haas weiter, lege das PKC auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. „Der Landkreis ist dabei ein wichtiger Akteur, vor allem bei den Schulpartnerschaften, bei gemeinsamen Bildungsprojekten und als Bindeglied zum Partnerlandkreis Oberes Galiläa“, stellte er fest und ergänzte: „Nichts kann den Eindruck von persönlichen Begegnungen ersetzen.“ Ganz oben stehe der Austausch von Menschen über Religionen und Kulturen hinweg.

Die Stiftungsrede beim 34. Stiftungsfest hielt der Rabbiner Dr. Jehoschua Ahrens, Mitglied der orthodoxen Rabbinerkonferenz und Beauftragter für interreligiösen Dialog. „Brüder sein wie Jakob und Esau“ setzte der Rabbiner als Denkmodell als Überschrift über seinen Vortrag mit dem Titel „Den Willen unseres Vaters im Himmel tun“. Ahrens aus Darmstadt machte darin auf Veränderungen im jüdisch-christlichen Dialog aufmerksam. „In den letzten zehn Jahren sind wir in eine neue Phase des jüdisch-christlichen Dialogs eingetreten. Wir sind in der besten und schlechtesten aller Zeiten, die beste deshalb, weil Juden und Christen sich heute so nahe sind wie noch nie zuvor und die schlechteste, weil wir im Dialog vor immensen Herausforderungen stehen. Das ist also insgesamt keine leichte Zeit, aber eine sehr spannende“, erklärt der Rabbiner und berichtet von drei Erklärungen der orthodoxen Rabbiner zum Christentum, im November 2015, im Dezember 2015 und im August 2017.

„Lange Zeit war das Verhältnis zwischen Juden und Christen von Feindseligkeit und Entfremdung geprägt – vor allem durch den Judenhass der christlichen Mehrheitsgesellschaft. Die Schoah war schließlich der negative Höhepunkt von Jahrhunderten der Verachtung, Unterdrückung und Zurückweisung von Juden“, betrachtet der Rabbiner die Geschichte. In der Zeit der Aufklärung habe es eine jüdische Annäherung gegeben, die aber von den Kirchen nicht beantwortet wurde. Heute seien vor allem die orthodoxen Rabbiner mit dem Christentum im Austausch und im Gespräch. „Gerade auch im Land der Täter, in Deutschland, erkannten die Kirchen weder eine besondere Mitverantwortung an der Shoah noch die Notwendigkeit einer Änderung der Theologie. Selbst im Gründungsjahr Israels, 1948, blieben die Kirchen ihrem theologischen Triumphalismus, der Substitutionstheologie, dem Ziel der Judenmission treu und sehen Leid und Verfolgung als Strafe Gottes – von den Juden selbstverschuldet“, machte der Rabbiner deutlich.

Deshalb sei der Dialog von jüdischer Seite mit großer Skepsis betrachtet worden bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Wendepunkt sei „Nostra Aetate“, die Konzilerklärung von 1965 gewesen, ein Meilenstein in der Entwicklung des Dialogs, der weit über die katholische Kirche hinaus auch in andere christliche Kirchen hinein gewirkt habe.

Jetzt 50 Jahre später nehme der interreligiöse Dialog mehr und mehr Gestalt an, übrigens auch in Israel, betonte Ahrens: „Die drei oben genannten Erklärungen der orthodoxen Rabbiner haben wichtige Kernaussagen gemeinsam: Die orthodoxen Rabbiner erkennen die Veränderungen innerhalb der Kirchen in Bezug auf das Judentum.“

„Christen sind heute unsere Brüder und Partner mit einem speziellen theologischen Status“, so der Rabbiner. Er sagt das verbunden mit dem Wunsch, dass Juden und Christen noch enger zusammenarbeiten sollten.

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