Wer Reinhard Michelchen in Freudental die Weinstraße entlang sprinten sieht oder ihn gar bei einem Wettkampf im Ländle oder auf internationalem Boden erlebt, kann es kaum fassen: Der 66-jährige gebürtige Potsdamer lässt sich keine Europa- oder Weltmeisterschaft entgehen und trainiert heute noch dreimal die Woche ausgiebig.

Kein Gramm Fett schmälert den Eindruck eines Athleten der Meisterklasse. Definierte Muskeln im Oberkörper erzählen die Geschichte eines Mannes, der sein Leben lang sehr viel gesprintet ist und es immer noch genießt, auf Meisterschaften vorne mitzusprinten. Der Erfolg gibt Reinhard Michelchen recht. Er läuft für sein Leben gern. Spazierengehen oder Walken findet er heute noch genauso langweilig wie damals, als er als junger Mann begann, durchzustarten.

„Viele junge Leute, die von Kindheit an in der Leichtathletik aktiv waren, hören heute mit 20 schon wieder auf zu trainieren. Ich habe mit 18 Jahren erst angefangen. Ich bin ein Spätzünder und komme, obwohl ich in Potsdam aufgewachsen bin, von keiner Sportschule“, beginnt der  Michelchen zu erzählen.An der Wand hängen Medaillen. Ein Foto zeigt ihn, wie er in Torun in Polen bei der Hallen-Europameisterschaft als Erster ins Ziel lief. Drei Jahre später, 2018, brach er sogar den Deutschen Rekord in seiner Altersklasse. Sein Fazit. „Laufen macht Spaß. Doch wenn ich schon Seniorensport höre, da geht mir das Licht aus. Im Fernsehen, da werden immer solche alten Knacker gebracht, die belächelt werden. Die Leute denken, sportlich gesehen, dass man halb tot ist, wenn man mal die 60 überschritten hat“, sagt Michelchen.

In seiner Kindheit war der Potsdamer keine sportliche Leuchte. „Ich war ziemlich schlecht im Fußball und hatte in Sport nur eine 3. Aber: Das schnelle Laufen hat mir schon damals gefallen“, erinnert er sich. Da hat Michelchen schon mit 20 Blut geleckt und gleich übertrieben. Damals arbeitete er noch im Forschungszentrum von Zeiss in Jena. Wegen seines extrem niedrigen Blutdrucks riet ihm sein Arzt, doch unter besseren Vorzeichen wieder anzufangen mit dem Sport.

Michelchen hat heute einen Trainingsplan, der genau auf ihn zugeschnitten ist, mit Krafttraining in Besigheim und Hallensprinttraining in Sindelfingen, wo der Freudentaler beim VfL trainiert, allein schon der Halle wegen. Früher mit 20, da hat Michelchen als Crossläufer begonnen und sich dann im Gegensatz zu den meisten seiner Artgenossen vom Mittelstreckler zum Sprinter entwickelt. „Pausen, in denen ich mich vollständig erholen kann, sind beim Trainieren wichtig. Das vergessen viele“, macht er klar. Der 66-Jährige stellt fest, dass man zum wirklich schnellen Laufen ein Talent mitbringen muss, ähnlich wie Musikalität. „Ohne eine gewisse Veranlagung zum schnellen Laufen wird das nichts.“, ist sein Credo.

Und eine gehörige Portion Power und Dynamik gehörten dazu. Michelchen verweist auf seine Medaillensammlung. Die meisten bekam er im 400-Meter-Bereich. Der Ruheständler übt heute in seinem Unruhestand nicht nur das Sprinten dreimal die Woche. Er geht auch ins Fitnessstudio. „Jeder hat so seine eigenen Methoden und zu meinen gehören auch Overspeed-Läufe, das heißt, mit Hilfe von Zugkräften bin ich schneller, als ich eigentlich bin“, sagt er und ergänzt. „Das ist gefährlich und ich verletze mich oft dabei. Dann muss ich warten, bis die Verletzung wieder ganz ausgeheilt ist“. Auch ein Physiotherapeut gehört als feste Größe in das Leben des Extremsportlers, einer, der jede Sehne und jeden Muskel von Reinhard Michelchen kennt. Und nach dem Training, da geht es ab in die Sauna zum Muskelrelaxing. „Danach fühle ich mich dann wie neu geboren“. Das ganze Programm macht mir so viel Spaß und motiviert mich so, dass ich unmöglich damit aufhören kann“, stellt er fest und erklärt. „Ich werde laufen, bis ich umfalle.“

Selbstbewusst begegnet er auch den Blicken junger Läufer zum Beispiel in seinem Verein, dem VfL Sindelfingen. „Da sehe ich genau, wie die, die mich nicht kennen, denken, was will denn der alte Knacker hier. Doch beim Start bin ich dann schon mal weg. Später lasse ich dann etwas nach, denn ich bin ja keine 20 mehr“, räumt er ein.

Noch immer nimmt Michelchen an den ganz großen Meisterschaften teil. Das zu finanzieren ist sein Problem. „Die Flüge, die Unterkunft, die Startgebühren, das kostet alles eine Menge Geld. Viele fragen mich warum ich das tue, der Medaille wegen?“, sagt er und vergleicht das mit amerikanischen Verhältnissen: „Die Amerikaner fragen immer als erstes, wer mein Sponsor sei und lachen, wenn ich sage, dass Leichtathletik leider keinen Sponsor bei uns wirklich interessiert.“ Es ist nicht so, dass Reinhard Michelchen nicht versucht hätte, Sponsoren zu finden – allerdings mit sehr mäßigem Erfolg.

Weder seine Eltern noch die Geschwister sind von einem ähnlichen Sportsgeist besessen. „Das kam auf einmal“, sagt Reinhard Michelchen: „Auf einmal ist halt der Knoten geplatzt.“