Löchgau Nägel über Nägel: „Das alles ist so ein spannendes Zeug“

Gisela Happold in ihrem Reich, dem Nagelmuseum in Löchgau. Es ist aus den Beständen der früheren Nagelfabrik entstanden. Doch die Thematik reicht heute weit darüber hinaus.
Gisela Happold in ihrem Reich, dem Nagelmuseum in Löchgau. Es ist aus den Beständen der früheren Nagelfabrik entstanden. Doch die Thematik reicht heute weit darüber hinaus. © Foto: Helmut Pangerl
Löchgau / Von Michael Soltys 06.04.2018

Ganz am Schluss hat Gisela Happold noch eine Überraschung für ihre Besucher parat: „Ich mache jetzt für Sie Musik“, sagt die Löchgauerin und lässt eiserne Kugeln durch ein Nagelbrett fallen, das in einer Ecke des Nagelmuseums in Löchgau steht. Wenn sie auf dem Weg nach unten an die unterschiedlich langen Nägel stoßen, entstehen ungeordnet klirrende Klänge.

Das Nagelbrett ist eines der Stücke, dessen Geschichte Gisela Happold gerne erzählt. Und wie sie solche Geschichten zu vermitteln weiß, macht deutlich, wie sehr die ehrenamtliche Betreuerin des Museums in der Oberen Straße bereits der Leidenschaft des Sammelns verfallen ist. Den Künstler aus Kirchberg/Jagst, der das Brett vorbeibrachte, um es ihr zu verkaufen, hatte sie eine ganze Weile lang zappeln lassen, bis sie das ungewöhnliche Musikinstrument zu einem vernünftigen Preis schließlich doch noch für das Museum erwarb.

Abertausende von Nägeln sind in den Räumen des ehemaligen landwirtschaftlichen Anwesens versammelt, das nach der Sanierung seit dem Jahr 2011 das Museum beherbergt. Sie alle stammen aus dem Fundus der früheren Röckerschen Nagelfabrik in Löchgau. Knapp 4600 verschiedene Nagelarten haben Happold und ihre Mitstreiter vom früheren Verein Dorfbild Löchgau gezählt, als sie das Museum in den 90er-Jahren einrichteten. Dass sie alle so fein sortiert und beschriftet sind, haben die Museumsmacher den Herren Albrecht Röcker und Castor Sattler zu verdanken, zwei Sammlern ganz besonderer Art.

Als das Unternehmen nach 98 Jahren der Produktion am Ort 1974 geschlossen wurde, hatten Röcker und Sattler das Bedürfnis „die Hinterlassenschaften zu ordnen“, erläutert Gisela Happold. Der damalige Besitzer und sein Buchhalter füllten von jeder Nagelart, die in der Fabrik produziert wurde, aus ihrem Musterlager eine Handvoll in Kästen ab. 250 Kisten, jede einzelne in kleine Fächer unterteilt, blieben so erhalten. Und zu ihrem großen Glück fanden die Museumsmacher sogar die Inventarliste. Darin ist jede einzelne Nagelart mit ihrem Fundort in den Kisten, sie lassen sich deshalb jederzeit wieder auffinden. „Das alles ist akribisch dokumentiert“, zollt Happold Röcker und Sattler ihren Respekt. Für sie und den Arbeitskreis war damals klar: „Das darf nicht aus dem Dorf raus.

Die Sammler-Pedanterie der Vorgänger legte den Grundstock für das Museum, doch was danach kam, lässt Gisela Happold auch heute noch manchmal selbst staunen. Mit den Nägeln allein war es nicht getan. Natürlich musste die Geschichte der Firma erzählt werden, schließlich sogar die Geschichte des Nagels selbst. Bei jeder monatlichen Sitzung des Arbeitskreises kamen mehr Informationen, mehr Material, mehr Ideen zusammen, erzählt sie.

„Immer wieder kam etwas Neues rein“, mal durch Zufall, mal durch die Hartnäckigkeit der Museumsmacher, mal durch Besucher des Museums, die selbst Gegenstände beisteuerten. Über einen Nachbarn, dessen Großvater als Reisender für die Röckers arbeitete, gelangte Happold an Mustertafeln, die auf Messen ausgestellt waren. „Dann kamen Bilder von der Familie hinzu“, erzählt sie, „dann sind wir auf die Postkarten gestoßen.“ Gemeint sind mehr als 100 Jahre alte Postkarten mit Motiven aus Löchgau, die um die Jahrhundertwende herum hergestellt wurden, „und überall ist die Fabrik drauf.“ Bildmaterial von der Erweiterung der Fabrik wurde in die Ausstellung integriert. Otto Gauger aus Löchgau steuerte kleine Druckstöcke bei mit Werbebotschaften der Firma Röcker, die der Besigheimer Künstler Matthias Gnatz drucken ließ. Mitglieder eines Gesangvereins brachten medizinische Nägel mit, aus Sibirien stammen Nägel, mit denen Schwellen für Eisenbahnschienen befestigt wurden. „Das alles ist so ein spannendes Zeug“, sagt Gisela Happold.

Manchmal muss sich Gisela Happold selbst in ihrer Begeisterung bremsen. „Ich kenne jedes Objekt“, betont sie. Sie sei mit dem Aufbau des Museums gewachsen. „Für mich persönlich war es eine Bereicherung.“