Drehmoment Kunst aus einem Guss

Von Gabriele Szczegulski 25.08.2018

Der Titel Drehmoment passt zum Unternehmen“, sagt Milko Konzelmann, Geschäftsführer der gleichnamigen Spritzguss-Firma in Löchgau. Schließlich, so erklärt er, werden in seiner Firma auch Teile für Antriebstechnik hergestellt. „Ohne mit der Wimper zu zucken“ habe er zugestimmt, als die Leiterin der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen, Dr. Isabell Schenk-Weininger, ihn fragte, ob seine Firma beim Kunstprojekt „Drehmoment“ der Kulturregion Stuttgart mitmachen würde. Und als dann, so erzählt Milko Konzelmann, sich der Berliner Künstler Nándor Angstenberger vorstellte, „war alles klar“. Schließlich, so meint der Wirtschaftsingenieur, müsse man sich auch verstehen. Die persönliche Beziehung sei für ihn sehr wichtig gewesen.

Als der Berliner Künstler für eine Woche in Löchgau weilte, nahm sich Konzelmann Zeit, ihn kennen zu lernen. „Offenheit und Neugierde waren Antrieb, mich auf das Kunstprojekt einzulassen“, sagt der Firmenchef. Schließlich ließ er Nándor Angstenberger in seine Firma, „er durfte überall hin, wo er hin wollte“.  Für Angstenberger war die Firma Konzelmann „so was wie ein Spielzeugladen für Kinder“, sagt der Künstler. „Ich sammelte ein, was ich konnte“. Fasziniert war er von einem Produkt: der sogenannten Spritzenpumpe, wie Milko Konzelmann erklärt. Dieses Teil hat er auch in seinem Kunstwerk „Taktik Plastik“, das in der Städtischen Galerie zu sehen ist, verwendet. Sieben Kisten voller Material nahm er mit nach Berlin.

Perspektivenwechsel

Eingestellt habe sich, so sagt Konzelmann, „ein Perspektivenwechsel“. Das Thema Massenproduktion von Kunststoffteilen habe Angstenberger aufgenommen und in einem künstlerischen Prozess in Form gebracht. „Unsere Produkte, die oft über 30 Jahre in Gebrauch sind, sind nicht zu vergleichen mit dem Palstikmüll, der die Umwelt belastet“, sagt er, gibt aber auch zu, dass er seit dem Kunstprojekt mehr darüber nachdenke, wie Qualitätsfertigung die Produkte noch haltbarer mache. „Unsere Produkte sind hochklassig und hochqualitativ, aber wir müssen noch besser werden, deshalb wird in unserer Firma großen Wert auf die Entwicklung gelegt.“ Darum leiste sich Konzelmann eigene Labore im Haus.

Angstenberger sah in den Konzelmann-Kunststoffteilen sofort deren Ähnlichkeit zu organischen Strukturen. „Er sagte mir, wie ähnlich einige unserer Produkte natürlichen Formen seien. Das war mir so nicht bewusst“, so Milko Konzelmann. Durch Angstenberger wurden aus den Produkten Pflanzen, Tiere oder Moleküle.

Auf einer Art großer Platte hat er eine Art neuen Weg gebaut, erklärt der Künstler. „Für mich kam sofort die Assoziation zu unserer Produktionslinie auf, dem Weg, den ein Produkt nimmt, bis es fertig ist und dem Kunden übergeben wird“, sagt Konzelmann. Während der Firmenleiter jedes Produkt im Sinne seiner Verwendung sieht, „sehe ich sie rein ästhetisch“, erklärt Angstenberger.

Die Lust am Ornament ist jeder seiner Arbeiten anzusehen. Seine zweite Arbeit mit Konzelmann-Materialien ist noch ornamentaler: Aus Styropor wachsen Kunststoffteile heraus und bilden eine architektonische Parallelwelt wie eine Kulisse für einen Science-Fiction-Film. „Das ist Verfremdung pur“, sagt Angstenberger. Er hat eine Art Wolkenkuckucksheim gebaut, in dem Raum für Fantasie ist.

Der Künstler will, so sagt er, auch die Entfremdung der Arbeit aufweichen und der Firmenchef folgt ihm: „Der Mensch ist das Wichtigste im Unternehmen, das dürfen wir nie vergessen, auch in Zeiten hoher Automation“. Mit der Galerieleiterin Isabell Schenk-Weiniger vereinbarte Konzelmann Spezialführungen in der Ausstellung für seine Mitarbeiter. „Der Besuch Angstenbergers und das Projekt an sich ist ein Highlight in diesem Arbeitsjahr gewesen“, so der Geschäftsführer.

Projekt Drehmoment: die Firma Konzelmann

Im zweiten Teil der kleinen Serie wird die Zusammenarbeit des Berliner Künstlers Nándor Angstenberger und der Löchgauer Firma Konzelmann für das Projekt „Drehmoment“ der Kulturregion Stuttgart vorgestellt.

Die Firma Konzelmann wurde 1960 von Bodo Konzelmann in Bietigheim-Metterzimmern für die Produktion technisch hochwertiger Kunststoffbauteile gegründet. Seit 2002 ist die Firma in Löchgau ansässig. 1800 Produkte werden von 275 Mitarbeitern produziert. 1990 trat Milko Konzelmann ins Unternehmen ein und übernahm später die Geschäftsführung. Konzelmann produziert Kunststoffspritzgussteile für die Bereiche Medizin-, Automobil- und Industrietechnik.

Die Ausstellung „Drehmoment“ in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen ist noch bis 14. Oktober zu sehen. sz

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