Eigentlich unfassbar: Toilettenpapier ist inzwischen in den Supermärkten ein heiß umkämpftes Produkt geworden. Auf der anderen Seite häufen sich Meldungen, wonach einige Kläranlagen Probleme haben, weil statt Toilettenpapier inzwischen vermehrt Küchenpapier, feuchte Tücher und Taschentücher den Weg in die Kanalisation finden und in den Klärwerken Pumpen und Leitungen verstopfen.

Ein Phänomen, das zumindest Albrecht Hamm, Betriebsleiter der Stadtentwässerung in Bönnigheim bislang nicht bestätigen kann. Ganz im Gegenteil. Nach den massiven Niederschlägen in den vergangenen Wochen, sind die Kanäle gut durchgespült.

Allerdings registriert Hamm, dass zurzeit mehr Personen zu Hause sind. So hat das Abwasseraufkommen beispielsweise im Schlossfeld in den letzten Wochen um rund 20 Prozent zugenommen. Inzwischen gelten wegen des Coronavirus’ auch bei der Stadtentwässerung verschärfte Sicherheitsmaßnahmen.

Die Mitarbeiter der Stadtentwässerung arbeiten in zwei getrennten Teams. Im Notfall könnte ein Team die Arbeit des anderen Teams übernehmen.

Arbeiten mit dem Hochdruckreiniger werden derzeit vorsichtshalber wegen des dabei entstehenden Sprühnebels nicht durchgeführt. Anfangs kursierten Meldungen, wonach das Coronavirus auch im Abwasser nachgewiesen wurde. Nach aktuellen Informationen gehe davon jedoch keine Gefahr aus. Trotzdem ist man vorsichtig. Sogenannte Schönheitsreparaturen und andere, nicht dringend notwendige Arbeiten, sind auf unbestimmte Zeit verschoben. Nur zwingend notwendige Kanalreinigungen werden durchgeführt. Ansonsten sieht man sich in Bönnigheim aktuell gut gewappnet.

Georg Ruf, Abteilungsleiter Abwasser bei den Stadtwerken in Bietigheim-Bissingen beobachtet bislang eine leichte Zunahme von Störstoffen wie Feuchttüchern und Hygiene-Artikeln im Abwasser. Diese Störstoffe können gelegentlich Pumpen verstopfen.

Ruf hat seine Mannschaft ebenfalls nach einer Handlungsempfehlung des Umweltministeriums wegen des Coronavirus’ auf zwei gleich qualifizierte Gruppen verteilt. Kontakte zwischen den beiden Gruppen sind nicht möglich, da die Gruppen wochenweise getrennt arbeiten. Sollte eine Gruppe krankheitsbedingt ausfallen, würde die zweite Gruppe einspringen. Arbeiten mit dem Hochdruckreiniger unterbleiben aus Sicherheitsgründen auch in Bietigheim-Bissingen.

In der Sammelkläranlage ist die Abwassermenge in der letzten Zeit gestiegen. Normalerweise, so Ruf, fallen rund 220 Kubikmeter Schlamm pro Tag an. Die Menge ist seit der Corona-Krise auf etwa 300 Kubikmeter pro Tag gestiegen. Auch hier zeigt sich, dass die Leute überwiegend der Empfehlung folgen und zu Hause bleiben.

Großes Einzugsgebiet

In der Sammelkläranlage im Nesselwörth wird das Abwasser von rund 100 000 Einwohnern geklärt. Zum Einzugsgebiet gehören neben Bietigheim-Bissingen auch Pleidelsheim, Ingersheim, Tamm, Sachsenheim mit allen Stadtteilen, Sersheim, Gündelbach und Horrheim. Das Abwasser wird über ein gewaltiges Rohrnetz zur Kläranlage im Nesselwörth geleitet. Alleine im Stadtgebiet von Bietigheim-Bissingen sorgt ein über 200 Kilometer langes Rohrleitungsnetz dafür, dass das Abwasser in der Kläranlage ankommt. Dazu kommt noch das umfangreiche Leitungsnetz der angeschlossenen Städte und Gemeinden. Wenn jemand in Häfnerhaslach den Spülknopf drückt, ist das Abwasser bis zur Kläranlage in Bietigheim-Bissingen rund 10 Stunden unterwegs.

Ein noch nicht akutes Problem sieht Ruf wegen der Corona-Krise bei den so genannten Betriebsmitteln. Dazu gehören für den laufenden Betrieb notwendige Chemikalien wie Fällmittel zur Klärschlammentwässerung und für die Phosphatfällung. Diese Chemikalien kommen teilweise aus Italien. Inzwischen hat sich die Lieferzeit dieser Betriebsstoffe glatt verdoppelt.

Die Entsorgung des Klärschlamms funktioniert ebenfalls noch problemlos – immerhin fallen pro Monat rund 550 Tonnen an. Diese gewaltige Menge wird mit fünf bis sechs Sattelzügen pro Woche nach Nordrhein-Westfalen und Ostdeutschland transportiert und in Kohlekraftwerken sowie Zementwerken verbrannt. Der Klärschlamm hat einen ähnlich hohen Brennwert wie Braunkohle. Nachdem der Kohleausstieg beschlossen wurde, und etliche Kohlekraftwerke stillgelegt werden, hat sich die Klärschlamm-Entsorgung dramatisch verteuert. Innerhalb eines Jahres hat sich der Preis auf rund 750 000 Euro pro Jahr nahezu verdoppelt.

Insgesamt sieht Georg Ruf den Bereich der Abwasserentsorgung der Sammelkläranlage aktuell gut aufgestellt. Man habe alle Maßnahmen getroffen, um die Abwasserentsorgung weiterhin zu gewährleisten.