Karl Schmidt ist inzwischen 85 Jahre alt und genießt seinen Ruhestand in seinem Haus in Stuttgart. Der Tod des Freiheitskämpfers und ehemaligen südafrikanischen Präsidenten, Nelson Mandela, berührt ihn. Schließlich war Schmidt in seiner Bönnigheimer Zeit Initiator der bundesweiten Anti-Apartheits-Aktion "Freiheit für Nelson Mandela".

Für die Bietigheimer, Sachsenheimer, Bönnigheimer Zeitung erinnert sich der kämpferische Pfarrer an die Stationen aus der Geschichte der Aktion "Freiheit für Nelson Mandela". Karl Schmidt erlebte die Rassentrennung in Südafrika, als er in der Zeit von 1966 bis 1977 im Missionsdienst in einer Pfarrstelle in Übersee bei der Herrnhuter Brüderkirche in Südafrika (Moravian Church of South Afrika) in Shiloh (Ostkap) tätig war:

"1970, am Ende unserer Tätigkeit in Südafrika, war mir vom Border Council of Churches (BCC) als weitere Aufgabe die "Dependents Conference (DC)" für das Ciskei-Gebiet übertragen worden. Damit war ich nicht nur mit den ,Abhängigen politischer Gefangener in Kontakt gekommen, sondern auch mit denen selbst nach ihrer Entlassung. Bei diesen Kontakten mit Leuten der Befreiungsbewegungen, vor allem des ANC, wurde mir die Bedeutung von Nelson Mandela bewusst, der seit Jahren zu lebenslanger Haft verurteilt war und von dem jedes Bild und jede Äußerung, auch deren Besitz streng verboten waren. An ihm, Nelson Mandela, vorbei würde kein Weg in eine friedliche Zukunft Südafrikas führen. Dies war mein deutlicher Eindruck über der Arbeit der "Dependents Conference" und den Begegnungen, die sich daraus ergaben.

Im Januar 1973 geschah etwas, was mein und unserer Familie weiteres Leben bestimmen sollte. Während einer Pfarrerstagung in Bad Boll begann ich die Verteidigungsrede von Nelson Mandela im Rivonia-Prozess von 1964 zu lesen. Ich hatte deren englische Fassung vom "International Defence and Aid Fund (IDAF)" erhalten. Diese Rede, in der Mandela, der frühere Rechtsanwalt, sich und seine sieben Mitangeklagten verteidigte, hatte bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Er führte darin unter anderem aus, warum sie nach all den gewaltfreien Protesten und den zunehmend gewalttätigeren Regierungs- und Unterdrückungs-Maßnahmen genötigt waren, den Weg der Gegengewalt und des gewaltsamen Widerstandes zu gehen. Seine Ausführungen beschloss Mandela mit dem eindrücklichen Bekenntnis: "Das also ist der Kampf des ANC. Es ist der Kampf des afrikanischen Volkes, geboren aus seinen Leiden und seinen Erfahrungen, es ist ein Kampf um das Recht zu leben. Diesem Kampf des afrikanischen Volkes habe ich mich mein Leben lang gewidmet. Ich habe gegen die Vorherrschaft der Weißen und ich habe gegen die Vorherrschaft der Schwarzen gekämpft. Eine demokratische und freie Gesellschaft, in der alle friedlich und mit gleichen Möglichkeiten miteinander leben können, hat mir stets als Ideal vorgeschwebt. Es ist ein Ideal, für das ich leben und das ich verwirklichen möchte. Doch wenn es sein muss, bin ich bereit, für dieses Ideal zu sterben."

Meine erste emotionale Reaktion war: Eigentlich gehören wir Weißen, gehöre ich verurteilt und hinter Schloss und Riegel und nicht er und seine Mitangeklagten. Wir Weiße hatten doch das schreiende Unrecht, das den Schwarzen angetan wurde, verursacht, geduldet oder gar unterstützt. Nach allem, was wir in Südafrika erlebt hatten, und ich besonders seit der Beschäftigung mit dem Deutsch-Südafrikanischen Kulturabkommen wusste, ließ mich diese Verteidigungsrede Mandelas nicht mehr los: Was konnte ich, konnten wir tun?

Da kam MAKSA, der "Mainzer Arbeitskreis Südliches Afrika", kurz darauf zu einem Treffen in Mainz zusammen. Diesem Kreis von kirchlichen Mitarbeitern, Pfarrern und ihren Frauen schlug ich vor, eine Aktion zur Freilassung von Mandela in Angriff zu nehmen. Bei einem solchen Vorhaben könnten auch andere Personen aus Kirchen und Ge-sellschaft mitarbeiten, die solch ein Ziel unterstützten. Dieser Vorschlag wurde aufgegriffen und am 22. Januar 1973 beschlossen, eine Kampagne "Freiheit für Nelson Mandela" ins Leben zu rufen und erste Aktionen ins Auge zu fassen. Ein Seminar der Gossner-Mission in Mainz unterstützte schon am 10. Februar 1973 diesen Plan. Einem MAKSA-Ausschuss fiel die Ausarbeitung von Aktionsmaterial, Vorschlägen und weiteren Details zu.

Doch nun ging es an die Arbeit. Dabei waren zwei Personen aus Bönnigheim außerordentlich hilfreich: Elfriede Mederake, die mir als Sekretärin viel Schreib- und Versandarbeiten abnahm, und Jürgen Grefe, der ein besonderes graphisches Talent hatte und Fremdsprachenlehrer am Bönnigheimer Schiller-College war. Dort war auch Barbara Clayton tätig, die Mandelas Verteidigungsrede im Rivonia-Prozeß 1964 "I am prepared to die" übersetzte. Diese Broschüre "Wofür ich bereit bin, zu leben und zu sterben" war und blieb bis zur dritten Auflage (1985) die Grundlage der gesamten Aktion "Freiheit für Nelson Mandela."

Mit Hilfe von Jürgen Grefe wurden in den für unsere Aktion typischen violetten Farben auch die Mandela- und Apartheid-Plakate fertiggestellt, dazu Anstecker, Aufkleber und Briefverschlussmarken sowie Karten für Bestellungen, die alsbald aus allen möglichen Ländern in West und Ost bis aus Nairobi kamen. Es waren erfreuliche Reaktionen, wie wir sie in diesem Umfang kaum erwartet hatten. Die damit verbundenen Aufgaben wären ohne die engagierte Mitarbeit unserer Sekretärin Elfriede Mederake nicht zu bewältigen gewesen.

Finanziert wurden übrigens die ganzen Aktions-Materialien neben Einzelspenden und Beiträgen der Evangelischen Landeskirchen im Rheinland und in Württemberg hauptsächlich durch das Publizistische Sachverständigen-Gremium (PSG) des Kirchlichen Entwicklungsdienstes (KED) der EKD.

Wie beim Treffen von MAKSA (Mainzer Arbeitskreis Südliches Afrika) geplant, fanden am 26. Juni, dem südafrikanischen Freiheitstag, Demonstrationen vor der Südafrikanischen Botschaft in Köln und den Konsulaten in Hamburg und Stuttgart statt. Zum ersten Mal wurde dort die Forderung für die Freilassung von Nelson Mandela und seiner Mitgefangenen laut und kräftig vorgetragen - eine Forderung, die nicht mehr verstummen sollte.

Beim Kirchentag wurde die Satzung einer "Aktionsgruppe "Freiheit für Nelson Mandela (Südafrika)!" e. V." beschlossen. Tausende unterzeichneten einen offenen Brief an Premier Vorster (insgesamt 3966). Die lila Plakate "Apartheid" und "Freiheit für Mandela" wurden zu einem Markenzeichen.

Ab 1980 nahm die weltweite "Free Mandela-Campaign" ein solches Ausmaß an, dass die südafrikanische Regierung nicht mehr lange an diesem "Gefangenen Nr. 1" vorbeigehen konnte. Die Verbote gegen die Opposition, ANC, PAC und UDF werden aufgehoben. Mitgefangene von Mandela wie Walter Sisulu, Mandelas engster Freund, werden entlassen und mit Jubel begrüßt. In einer vielbeachteten Rede vor dem Parlament in Kapstadt kündigt de Klerk die baldige Freilassung von Nelson Mandela an.

Am 11. Februar 1990 ist es so weit. Im ganzen Land werden Freudenfeste gehalten. In Kapstadt versammelt sich eine riesige Menschenmenge, um den Freigelassenen mit seiner Frau Winnie zu begrüßen und wieder die Stimme dessen zu hören, der seit 1964 zum Schweigen verurteilt war. Gegner Mandelas und des ANC mögen mit den Zähnen geknirscht haben, die große Mehrheit jubelte, fasste neuen Mut: Nelson Mandela war frei.

Das musste gefeiert, dazu mussten die Mitstreiterinnen und Mitstreiter eingeladen werden. Das Steiggemeindehaus in Bad Cannstatt mit seinem schönen Saal war der rechte Ort für das Mandela-Fest am 9. März 1990."

Info Am heutigen Mittwoch, 11. Dezember, findet ein Gedenk-Gottesdienst für Nelson Mandela in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Ostfildern statt.

Einige Schwerpunkte der Aktionsgruppe