Bönnigheim/Besigheim In den Weinbergen herrscht Hektik

Lange Schlangen vor der Annahmestelle der Felsengartenkellerei in Hessigheim. Die Weinlese setzte früh ein und verlief bisher sehr hektisch.
Lange Schlangen vor der Annahmestelle der Felsengartenkellerei in Hessigheim. Die Weinlese setzte früh ein und verlief bisher sehr hektisch. © Foto: Martin Kalb
Bönnigheim/Besigheim / MICHAEL SOLTYS 27.09.2014
Die Lese des Weinjahrgangs 2014 hat früh begonnen. Und sie läuft bisher hektisch ab. Grund ist der starke Regen ab Mitte September und in der Folge die drohende Fäulnis der Trauben.

Was hatten sich die Wengerter noch Ende Juli nicht für große Hoffnungen gemacht. Der Zustand der Reben sei "sehr, sehr vielversprechend", so die einhellige Aussage. Weder Frost noch Hagel hatten dem Wein bis dahin etwas anhaben können, die gefürchteten Spätfröste waren ebenso ausgeblieben wie die Schädlinge in den Weinbergen. Überall standen die Aussichten bestens, einen guten bis sehr guten Jahrgang ernten zu können, sowohl mit Blick auf die Qualität als auch auf die Menge des eingefahrenen Lesegutes.

Doch der starke Regen ab etwa Mitte September machte diese Hoffnungen zu einem guten Teil zunichte. Die Beeren quollen auf und platzten schließlich, ausgerechnet, als einige Rebsorten beinahe reif waren. Denn wegen der Hitze im Frühjahr war die Vegetation ihrem normalen Verlauf um etwa 14 Tage voraus.

So massiv war der Fäulnisdruck, dass höchste Eile geboten war, berichten die Wengerter. "Es herrschte Hektik wie noch nie in den Weinbergen", erläutert Albrecht Hauber, önologischer Vorstand der Weingärtner Stromberg-Zabergäu mit Sitz in Brackenheim, die Reaktion auf die einsetzende Fäulnis. "Bei einigen Mitgliedern lagen die Nerven blank."

Bei der Felsengartenkellerei in Besigheim war es ähnlich. Vor allem die frühreifenden Sorten - dazu gehören beispielsweise Portugieser, Schwarzriesling und Dornfelder - waren innerhalb kürzester Zeit von Fäulnis bedroht. "Wir mussten zügig rangehen", so Götz Reustle.

Nicht anders stellte sich die Situation beim Weingut Dautel in Bönnigheim dar. Ungewöhnlich für das Weingut: Obwohl es noch nicht einmal Ende September ist, ist bereits die Hälfte der Lese eingefahren, berichtet Winzer Christian Dautel. Um schnell handeln zu können, "sind wir mit unserer Maximalbesetzung in den Weinbergen", sagte er.

Das Überraschende daran: Selbst spät reifende Sorten wie der Riesling und der Trollinger werden bereits seit letzter Woche gelesen, um die Folgen der Fäulnis in Grenzen zu halten. In manchen Anlagen sei der Riesling "regelrecht zusammengebrochen", berichtet Götz Reustle, Vorstandschef der Felsengartenkellerei. In anderen Anlagen kann man dagegen noch zuwarten, damit sich die Öchslegrade und die Reife noch erhöhen. Doch die Lese bleibe ein "Spagat zwischen der Menge für die Mitglieder und der Qualitätssicherung", sagt Albrecht Hauber.

Zum großen Leidwesen der Wengerter ist auch der Trollinger von Fäulnis betroffen, ebenfalls eine sehr spät reifende Sorte. Bereits in der vergangenen Woche wurde im Neckartal Trollinger aus Steillagen gelesen. "Das war notwendig zur Erntesicherung", so Götz Reustle. Und auch am Wochenende steht die wichtigste Rotweinsorte im Schwäbischen auf dem Leseplan. Manche Winzer allerdings spekulieren und schieben die Trollinger-Lese noch nach hinten. "Doch dabei kann man auf die Nase fallen", warnt Götz Reustle. Nachdem allerdings seit etwa Mitte der Woche die Temperaturen vor allem in der Nacht deutlich gefallen sind, sinkt das Risiko weiterer Fäulnis.

Und wie sieht es in den kommenden beiden Wochen bis zum Ende der Lese aus? "In die Kirche gehen und beten", meint Christian Dautel nicht ganz ernsthaft. Seine Trollinger-Trauben sehen noch relativ gut aus, der Lemberger hat kaum etwas abbekommen, berichtet er. Das bestätigen auch Götz Reustle und Albrecht Hauber. "Der Druck ist jetzt raus", sagt Albrecht Hauber.

Obwohl die großen Hoffnungen enttäuscht wurden, sprechen alle drei Wengerter von einer ordentlichen Qualität das Jahrgangs 2014. Der Öchsle-Grad liege zwar etwa zehn Grad unter Normalmaß, um den Reifegrad, und damit um die Farbstoffe und die Extrakte, stehe es jedoch deutlich besser. "Die Spitzenqualitäten fehlen", sagt Albrecht Hauber. Die Kellerei habe aber schnell reagiert, und die Mitglieder hätten "gut geschafft", so der önologische Vorstand. "Was im Hause ist, ist gut." Christian Dautel sieht die Lage ebenfalls entspannt. Auch 2013 sei der Fäulnisdruck hoch gewesen. Und trotzdem "haben wir spannende Weine bekommen".

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