Mit einer Gedenkveranstaltung für Suse Unterwood zeigte das Pädagogisch-Kulturelle Centrum (PKC) Synagoge Freudental am Sonntagvormittag, wie die im Juli 2019 im Alter von 93 Jahren verstorbene Zeitzeugin in einem Jugendprojekt weiterlebt. „Fluchtperspektiven“ heißt das Projekt unter der Leitung der FSJlerin Emma Schmid, in welchem 13- bis 19-Jährige die Flucht Suse Unterwoods vor den Nazis in einem Kindertransport von Freudental nach London nacherleben.  Im „Garten der Erinnerung“ haben sie einen Baum für die Heilbronnerin Suse Underwood, geb. Schwarzwälder, gepflanzt.

Auch Underwoods Nachfahren kamen zu der Gedenkveranstaltung: ihr Sohn Simon mit seinen Kindern Beth und George und ihr Enkelsohn Jack. Die Teilnehmer an dem von Emma Schmid  ins Leben gerufenen Projektes „Fluchtperspektiven“ bereiten sich gerade auf eine Reise nach London vor. Wie die rund 10 000 im Jahr 1938 geretteten jüdischen Kinder, unter denen Underwood war, reisen sie mit dem Zug und mit der Fähre. Der PKC-Vorsitzende Herbert Pötzsch erinnerte in seiner Rede daran, dass den Kindern um Suse Underwood erspart blieb, was anderthalb Millionen anderen Kindern passiert ist: Sie wurden von den Nazis umgebracht.

Suse Underwood war die letzte Zeitzeugin des jüdischen Lebens in Freudental. Sie hat zwar nicht dort gewohnt, war aber als Kind oft zu Besuch bei ihrer „Tante Sid“ (Sidonie Herrmann), die mit ihrer Familie in der Strombergstraße 11 unweit des heutigen Pädagogisch-Kulturellen Centrum gewohnt hat. Dort, wo die Nazis in der Kristallnacht alles zerstörten, musste Suse Underwood sauber machen.

Den Koffer verloren

Auf der Fahrt von Heilbronn über Stuttgart nach Frankfurt am Main verlor sie als Zwölfjährige auf der Flucht ihren Koffer, fand ihn aber in den Niederlanden wieder, von wo es nach England ging. In London wurde Underwood laut Emma Schmid als „feindlicher Ausländer“ mit den Deutschen gleichgesetzt, vor denen sie geflüchtet war.

Die Projektgruppe in Freudental kümmert sich momentan um eine junge Syrerin, die im Alter von 15 Jahren als Flüchtling nach Deutschland kam. Sie zeigt damit ein aktuelles Flüchtlingsschicksal. Heute ist sie wie Emma Schmid 19 Jahre alt und fühlt sich beim Anblick des Hohenaspergs, an dem sie auf dem Weg zum Deutschuntericht vorbei fährt, an die Hügel ihrer syrischen Heimat erinnert.

Als Freundin von Suse Unterwood erzählte die Besigheimerin Miriam Wittner von der letzten Zeitzeugin Freudentals. In Unterwoods Kindheit sei viel Hin und Her zwischen Heilbronn und Freudental gewesen und Suse habe nicht vergessen, wie sie sich geärgert hat, dass sie als Fünfjährige nicht bei der Weinlese helfen durfte.

Überlebt in London

Für Suse und damit für viele andere Kinder hat Wittners Ausführungen nach der letzte jüdische Lehrer Freudentals, Simon Meisner, den Kindertransport nach England organisiert. In Literatenkreise um Elias Canetti und Erich Fried gekommen, lernte sie ihren Mann John Underwood kennen und zog mit ihm in ein Reihenhaus im Londoner Stadtteil Hampstead. Alle Freudentaler Verwandten und ein Teil der Heilbronner Familie von Suse Unterwood wurden von den Nazis ermordet.