Sammeln Fundgrube für Kunstkenner

Museumsleiterin Cynthia Thumm vor der von Charlotte Zander gesammelten Porträtserie der Malerin Margarethe Held im Schloss Bönnigheim.
Museumsleiterin Cynthia Thumm vor der von Charlotte Zander gesammelten Porträtserie der Malerin Margarethe Held im Schloss Bönnigheim. © Foto: Helmut Pangerl
Gabriele szczegulski 04.04.2018

Charlotte Zander war eine Kunstsammlerin par excellence. Leidenschaftlich, mit viel Engagement und auch Kunstwissen machte sie in den 1950er-Jahren ihre Sammelpassion zur Profession. Zuerst sammelte die Fabrikantentochter nur für sich Votivgaben, später mit ihrem Mann die Kunst der Avantgarde, dann wollte sie sich etwas Eigenes schaffen und begann mit dem Gemälde „Junges Mädchen in den Blumen“ von André Beauchamp mit der Sammlung von Kunst der Naive. Später kamen Outlander-Art und Art-Brut hinzu.

Sammlung von 4500 Werken

Die 4500 Werke, die Charlotte Zander bis zu ihrem Tod 2014 sammelte, sind seit 1998 im Museum Zander im Schloss Bönnigheim zu finden. Es ist für einen Nichtkunstkenner schwer zu erfassen, welchen Wert und Wichtigkeit diese Sammlung hat, das weiß auch die Leiterin des Museum, Cynthia Thumm: „Es ist eine große, internationale Sammlung und für den Kunstkontext, die Kunstgeschichte von immensem Wert.“ Denn es ist im Bereich der Kunst der Naive eine der wenigen Sammlungen, die öffentlich zugänglich und deshalb für Kunstwissenschaftler und für andere Sammler von äußerster Wichtigkeit ist. Die autodidaktische, nicht akademische Kunst, die vor allem in den 1920er- und 1930er-Jahren entstand, ist eine Gegenbewegung zum Expressionismus und Abstraktionismus dieser Zeit. Und daher auch kunsthistorisch von Bedeutung. Zum ersten Mal nahmen einfache, ungebildete Leute den Pinsel in die Hand, sahen sich Kunst an und malten selbst. Und ihre Werke wurden ausgestellt und wahrgenommen von der Kunstwelt. „Die Naive ist auch als Spiegel des damaligen Zeitgeists enorm wichtig“, sagt Cynthia Thumm. Eine Ausstellung im Folkwang-Museum Essen namens „Schatten der Avantgarde“ mit Leihgaben aus Bönnigheim zeige, so Thumm, die Bedeutung der Kunst der Naiven.

Das Museum bekommt, so sagt Thumm, Besuch von Kunstkennern vor allem aus den USA, der Schweiz, den Niederlanden, Österreich und Frankreich, denn in diesen Ländern, erläutert die Kunsthistorikerin weiter, gebe es eine richtige Szene für diese „authentische Art der Kunst“.  Alle zwei Jahre kommen Studenten der School of Art in Chicago mit ihren Dozenten nach Bönnigheim, um die Originale der Kunst der Naive zu betrachten und sich mit ihnen vor Ort  zu befassen. „Nirgends gibt es die Möglichkeit, so viele Werke dieser Kunstrichtungen zu sehen.“ Studenten der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, so Cynthia Thumm, würden oft an den Originalen Kurse abhalten.

Auch Kuratoren wichtiger Ausstellungen kommen nach Bönnigheim, um sich Anregungen oder Informationen für eigene Ausstellungen zu holen. „Wir haben uns auch damit ausgezeichnet, einen hohen Kenntnisstand, ein großes Archiv und viel Wissen rund um die von Charlotte Zander gesammelten Werke zu haben“, sagt Thumm. So  war vor Kurzem Lynn Cooke, die Kuratorin der  National Gallery in Washington im Schloss, weil sie zwei Bilder von Seraphine Louis für eine Ausstellung leihen wollte. Gemälde aus Zanders Sammlung weilen derzeit im Kunsthaus Zürich, in Chambery und Lille.

Stichwort Seraphine Louis: Seit das Museum einige Gemälde der französischen Putzfrau für den nach ihr benannten französischen Film auslieh, hat sich laut Thumm geradewegs ein Trend gebildet, diese Gemälde zu sehen. „Ganz normale Besucher fragen nach Seraphine Louis Werken“, sagt sie.

Neben den Vertretern der internationalen Kunstszene oder Künstlern, „die einfach den Genuss des Anschauens haben wollen“, geht es Cynthia Thumm vor allem darum, Menschen aus der Region die Werke der Kunst der Naiven, Art Brut oder Outlander Art zu vermitteln. Mittlerweile gibt es einige Kooperationen des Museum mit Schulen oder Kindergärten.

Mund-zu-Mund Propaganda

Unter den jährlich 8000 Besuchern im Museum Zander, so Thumm, seien mindestens die Hälfte Menschen, die durch Mund-zu-Mund-Propaganda, Filme oder Zeitungsartikel auf die Sammlung gestoßen seien. „Auf viele Besucher übt unsere Sammlung einen Überraschungseffekt aus, denn oft sagen mir Besucher, dass sie sich was ganz anderes vorgestellt haben und von der Ästhetik der Bilder überrascht seien“, so Cynthia Thumm.

Info Das Museum Zander im Schloss Bönnigheim ist von Donnerstag bis Sonntag, von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Führungen auf Anfrage unter Telefon (07143) 42 26.

www.sammlung-zander.de