Leidenschaft Flinke Finger fertigen Filigranes

Bönnigheim / Susanne Yvette Walter 09.02.2019

Rita Rieker aus Bönnigheim liebt die zarte Spitze mit den vielen Namen seit mehr als 30 Jahren. Mit geübten flinken Fingern und einer ganz feinen Häkelnadel verwandelt sie Fäden in zarte Deckchen, dekorative Schmetterlinge und in Sterne oder kleine Kreuze als dekoratives Element auf einer Karte zur Konfirmation. Sie kleidet damit zierliche kleine Elfen ein oder gestaltet eine Netzhülle für Glaskugeln.  Auch dreidimensional macht Occhi richtig Spaß, sagt sie und hält ein Körbchen hoch, das ganz aus dieser Spitzentechnik besteht.

Eigentlich hat die Sparkassenangestellte Rita Rieker immer gerne gehäkelt, vor allem feine Deckchen, die sie dann in Zuckerlösung getaucht hat, um sie zu stärken. Doch eines Tages führte ein Fehlgriff dazu, dass sie eine noch größere Leidenschaft entdeckte, das Occhi. In der Handarbeitszeitung Anna entdeckte sie die Occhi-Technik: „Früher umhäkelte man damit hauptsächlich Taschentücher. Doch mit den Jahren kamen immer mehr Ideen auf den Markt. Mit dieser Technik der feinen Knoten kann man heute auch Tiere herstellen.“ Die Technik ist auch bekannt als Chiacchierino in Italien, frivolité in Frankreich, Tatting in England und als Schiffchenarbeit in Deutschland.

Sie kam wohl im Mittelalter, gilt aber als viel älter. Schon im alten Ägypten und im alten China soll sie bekannt gewesen sein und kommt wohl aus dem Orient. Dort trägt sie den Namen Makuk, benannt nach dem Schiffchen.

Früher sollen sich wohl die Damen des Hochadels damit beschäftigt haben. Winzige Knoten entstehen durch eine geschickte Technik des Schlaufenbildens.

Bei Rita Rieker geht das mittlerweile so schnell, dass das Auge keine Chance mehr hat, die einzelnen Bewegungen zu verfolgen. Sie selbst hat durch den Blick in die Handarbeitszeitung einen Zugang zu dem Hobby gefunden und Volkshochschulkurse besucht. Später hat die ehemalige Freudentalerin dann selbst Kurse gegeben. Mit einem Stamm von rund zwölf Frauen teilt sie heute noch die Leidenschaft für dieses seltene Hobby. „Selbst im Krankenhaus nach einer Operation habe ich gleich gefragt, ob ich ein bisschen Occhi machen darf. Es ist ja keine schwere körperliche Tätigkeit“, lacht sie.

Wer bei Rita Rieker ins Wohnzimmer und in den Flur kommt, sieht ein ungewöhnliches Bild: An einem Korkenzieherhasel hängen zarte Schmetterlinge, Spiralen mit Perlen, Sterne und vieles mehr, die alle mithilfe diese filigranen Technik entstanden sind. „Dafür brauche ich zwar meine Extrabrille, aber es macht mir auch nach 30 Jahren noch riesig Spaß“, erzählt sie.  Was einem Außenstehenden wie eine fast nicht sichtbare Knotentechnik vorkommt, ist für Rita Rieker alltägliche Beschäftigung. „Auch wenn man die Knoten wegen der Symmetrie zählen muss, kann ich auch nebenher fernshehen“, lässt sie wissen.

Rita Rieker zeigt ihre Kunst  sehr gerne auch bei Kunsthandwerkermärkten und Ausstellungen. Und sie hat viel Freude daran, immer wieder neue Trends zu entdecken. „Ich kann damit unmöglich aufhören. Das ist ein bisschen wie eine Sucht“, lässt sie wissen. Zum Glück geht es ihren ehemaligen Kursteilnehmerinnen ähnlich und so geht die Gruppe manchmal gemeinsam zu einer Ausstellung und genießt das Fachsimpeln über ein seltenes Thema ganz besonders.

Rita Rieker hat noch mehr Interessen in ähnlicher Richtung. Sie beschäftigt sich auch gerne mit der 3-D-Technik, Origami, Fensterbilder und mit den Themen Stanzen und Prägen. Doch ihre Hauptaufmerksamkeit gehört dem Occhi. Mindestens zehn Stunden pro Woche verbringt sie mit ihrem schönen Hobby und sie genießt es, kleine Geschenke mit dem Schiffchen für jede Gelegenheit anzufertigen. „Für so einen kleinen Schmetterling brauche ich rund zwei Stunden“, erzählt sie. Kaum zu glauben, denn er besteht fast nur aus kaum sichtbaren Knoten und Schlaufen (Occhi) die Bögen bilden.“

Das Schiffchen ist daumengroß, spitz zulaufend und schmal. Es besteht aus zwei Platten mit einer Spule dazwischen. „Occhi-Spitzen“ bestehen hauptsächlich aus Doppelknoten, die über den Arbeitsfaden aneinandergereiht sind. Der Arbeitsfaden wird straff gehalten und verschwindet unter den Knoten des Schlingenfadens. Das Schiffchen wird mit dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand geführt. „Hübsche Spitzen ergeben sich durch Bogen und Picot (auch Pikot für Öse) schwieriger wird jedoch die Arbeit durch Ringe“, erklärt die Handarbeiterin. Sie freut sich schon auf die nächsten Kunsthandwerkermärkte, auch wenn sie ihre Zeit, die sie investiert, nicht wirklich rechnen darf.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel