Es ist ein ungewöhnliches Ensemble, das auf der „Insel“ zwischen Rathaus­straße und Hauptstraße im Erligheimer Ortskern thront: Altes Rathaus, Backhaus, Johanneskirche und Vordere Kelter bilden eine Gebäudeeinheit. Heute zeigt sich das Ensemble mit schmucker Fassade, harmonisch saniert, und wird von Kirche, Gemeinde und Bevölkerung rege genutzt.

In den 1960er-Jahren bot die Vordere Kelter ein Bild des Jammers, die Bausubstanz machte den damaligen Gemeinderäten Sorge. 1773/74 hatte nach den Angaben des Erligheimer Heimatforschers August Holder der örtliche Maurer- und Steinbaumeister Johannes Bieg diese Kelter gebaut, nachdem – wie im Heimatbuch „Erligheim. Ein Weinort im Wandel“ vermerkt ist – das Vorgängergebäude „nimmer zu flicken war und in Gemäßigkeit Hochherrschaftlicher Resolution (vom 11. Oktober 1772) eine neue und größere auf diesem Platz erbaut werden musste, deren Voranschlag 923 Gulden und drei Kreuzer betrug“. Besitzer war damals Graf Stadion, durch die Ablösung des Zehnten ging die Vordere Kelter, ebenso wie die Hintere Kelter, ins Eigentum der Gemeinde. 1853 wurde in der Oberamtsbeschreibung der Anbau der Kelter an die Kirche als „störend“ bezeichnet.­

Die „Stadionsche“ oder „Gemmingensche“ Kelter hatte in den frühen 1950er-Jahren ausgedient und wurde als Abstell- und Lagerfläche genutzt. Beim ersten Erligheimer Straßenfest 1975 hatte man den rustikalen Innenraum erstmals für die Öffentlichkeit entdeckt, berichtet die Bietigheimer Zeitung in ihrer Ausgabe vom 15. Mai 1981. Die Erligheimer hatten sich damals bemüht, ins Konjunkturprogramm aufgenommen zu werden, und man hatte bereits eine Zusage erhalten, dass der Kelterumbau mit 70 000 Mark bezuschusst werde. Allerdings hatte zu diesem Zeitpunkt die Gemeinde noch keine baureifen Pläne, und aus dem Umbau wurde – zunächst – nichts.

Bevölkerung befragt

Erst 1976 kam der damalige Landtagskandidat Lothar Späth ins Spiel, und der versprach, dass die Erligheim für die Sanierung ihrer Vorderen Kelter entweder 100 000 Euro erhalten sollten oder die Abbrucherlaubnis für das unter Denkmalschutz stehende Gebäude. Wie die BZ damals schrieb, musste etwas passieren, denn es fielen schon die ersten Ziegel vom Dach. Bürgermeister Albert Leibold und der Gemeinderat veranstalteten eine Fragebogenaktion in der Bevölkerung mit dem Ergebnis, dass sich rund 70 Prozent der Erligheim für einen Erhalt der Vorderen Kelter aussprachen.

Die Gemeinde wurde schließlich in das damalige Zukunftsinvestitonsprogramm aufgenommen, die Planungen sahen zunächst vor, einen Sitzungssaal einzubauen. 1977 wurden die Erligheimer ins Dorfentwicklungsprogramm aufgenommen, und die Landsiedlung hatte zusammen mit dem Architekten Walter Betting festgestellt, „dass die Kelter ein zentrales Problem darstellt“. Es wurde anfangs angedacht, eine überdachte Markthalle einzurichten. Letztendlich wurde im Erdgeschoss ein teilbarer Bürgersaal eingebaut, und später das Obergeschoss zum Veranstaltungsraum ausgebaut. Am 16. Mai 1981 wurde das neue Zentrum eingeweiht. Die BZ berichtete: „Aus der früheren Rumpelkammer hat man ein Schmuckstück gezaubert. Platz für den Gemeinderat, für Vereine, einfach für alle Erligheimer und ihre Gäste.“ Insgesamt wurden rund 750 000 Mark investiert, und man hatte „alle Töpfe angezapft“, wie es Bürgermeister Leibold damals formulierte, und dadurch Zuschüsse in Höhe von 300 000 Mark erhalten.

Sanierung nach 36 Jahren

Jahrzehnte lang wurde das Bürgerhaus intensiv – nicht mehr als Sitzungssaal des Gemeinderats – von der Gemeinde und den Vereinen genutzt. Im September 2017 stand daher eine Sanierung an: Brandschutzmaßnahmen mussten umgesetzt werden, ein zweiter Rettungsweg vom Obergeschoss nach draußen wurde geschaffen, dazu kam ein Aufzug, für den ein Schacht gemauert und die Decke aufgerissen werden mussten. Ein barrierefreies WC wurde eingebaut, und auch die Böden wurden aufwändig saniert. Nach intensiver Diskussion im Gemeinderat entschied man sich mehrheitlich für einen barrierefreien Innenaufzug, obwohl damit der bisherige Platz für die Bühne, den Aufzug und das Behinderten-WC entfiel. Für Kulturveranstaltungen gibt es nun eine mobile Bühne. Damit ist der Lerchenbergsaal im Obergeschoss auch im bisherigen Umfang nutzbar. Die Kosten für den Umbau und die Sanierung betrugen rund 550 000 Euro, wobei 195 000 Euro aus dem Bund-Länder-Programm „Soziale Integration im Quartier“ kamen.

Man könne für das Erdgeschoss von einer Komplettsanierung sprechen mit neuem Eingang, neuen Fliesen, einer neuen Decke, neuen Sanitäreinrichtungen, neuer Küche und einer neuen Beleuchtung. Nun sind die Räume nicht nur ebener, sondern auch heller geworden, im Erdgeschoss sorgt ein kreisrunder beleuchteter Deckeneinschnitt für mehr Licht, freute sich Bürgermeister Rainer Schäuffele bei der Wiedereröffnung am 16. März 2018.