Bönnigheim Die Lust auf Schnaps macht erfinderisch

Cleebronn / Von Michael Soltys 09.08.2018

Es herrschte eine entspannte und lustige Stimmung, als sich am Mittwoch zwei Dutzend Leser der BZ im Meiereihof von Bönnigheim einfanden. Das lag zum einen am Thema, zum anderen aber auch am Moderator. Mit viel Witz, Charme und vielen lustigen Anekdoten führte Kurt Sartorius die BZ-Leser durch das Schnapsmuseum in Bönnigheim und gab Erläuterungen zu einem Getränk, das die Menschen seit Jahrhunderten fasziniert.

Beim Schnapsmuseum allein beließ es Sartorius allerdings nicht. Die Dokumentation über die Geschichte des Alkohols, die imposante Sammlung von Brenngeräten – die größte, die es in Deutschland gibt, wie Sartorius betonte – und die Ausstellung über die Gerätschaften, mit denen Schnapsliebhaber im Geheimen brannten, sie sind eben nur ein Teil der historisch interessanten Dinge, die es im Steinhaus zu sehen gibt.

Das Steinhaus von 1296 ist das älteste Gebäude in Bönnigheim, wie der Vorsitzende der Historischen Gesellschaft anhand von Balken im Dachgeschoss dokumentierte. Dort ist auch die Ausstellung über die Nachgeburtstöpfe, ein Thema, das Sartorius durch seine Forschungen und Ausgrabungen in Bönnigheim international ins Bewusstsein gerückt hat. Leserin Helga Förste und ihr Mann Werner aus Bietigheim zeigten sich jedenfalls erstaunt: „Wir wussten gar nicht, dass es hier noch so viel anderes gibt als das Schnapsmuseum“, sagten sie.

Wie viele Arten es gibt, eine Maus zu fangen und zu töten, das zeigte sich ein Stockwerk tiefer, wo aktuell eine Ausstellung über Mausefallen aufgebaut ist. Lästige Mäuse kann man mit Strengstoff in die Luft jagen, in Lochfallen erdrücken, in Schlingen erwürgen, mit Kohlenmonoxid ersticken oder sie in Behältern ersäufen, zeigte Sartorius an den vielen unterschiedlichen Fallen. Neuerdings kann man sich sogar per SMS benachrichtigen lassen, wenn eine Maus lebend in die Falle geht, um sie weit entfernt vom eigenen Haus auszusetzen. Sartorius habe eben die Gabe, sehr gut zu erzählen, sagte BZ-Leser Joachim Martin, der vor einigen Jahren schon einmal im Museum im Steinhaus zu Besuch war und jetzt auf Neuigkeiten gespannt war.

Das bewies der Museumsdirektor auch beim Kernstück des Rundgangs, den legalen und illegalen Brennereien. „Wie erfinderisch die Menschen doch sein können, wenn sie an Schnaps gelangen wollen“, wunderte sich nicht nur Margit Michel aus Bissingen, die mit ihrem Mann Gerhard das Museum besichtigte. Ein großer Kochtopf, ein umgebauter Waschkessel, ein emaillierter Topf, verschlossen mit dem Deckel einer Munitionsbüchse, eine hübsch verzierte Milchkanne, ja sogar ein Sicomat-Topf, angeschlossen an eine Bierbüchse, dienten den Brennern zur Herstellung des begehrten Alkohols. Vorsichtshalber hat der Zoll alle Brennanlagen im Museum verschlossen, erzählte Sartorius unter dem Gelächter der Besucher. Selbst an einem Benzinkanister, den ein Strafgefangener nutzte, um zerkautes Brot zu Schnaps zu brennen, wurde eine Plombe angebracht.

Hohe Steuern

Dabei lohnt sich das Brennen kaum noch, findet jedenfalls Roland Schray aus Ingersheim. Er hat es vor einigen Jahren selbst versucht und 50 Liter Maische aus Kirschen gebrannt und davon einen Liter Schnaps gewonnen.  Für die 70 Euro, die er dafür als Steuern abführen musste, hätte er viel Schnaps kaufen können, findet er heute. Den Vorschuss, denjenigen Teil des Alkohols, der ungenießbar ist, habe er zum Einreiben verwendet.

Im Keller des Steinhaus-Museums ging Sartorius schließlich zum praktischen Teil über und ließ seine Gäste einzelne Schnäpse verkosten: den Blutwurz beispielsweise, der gegen Magenverstimmungen helfen soll, oder den Schlüsselblumenschnaps, den er bei Herzbeschwerden empfiehlt. Schließlich sei dem Alkohol heilende Kräfte zugeschrieben worden, weil er die Wirkstoffe von natürlichen Arzneien bindet. Und nicht nur das: „Schnapstrinker sind Umweltschützer“, behauptete er, denn sie  tragen dazu bei, dass Streuobstwiesen erhalten bleiben und das Obst genutzt wird.

Die eigenen Mirabellen werden gebrannt

BZ-Leserin Sigrid Kimmich hatte ein ganz besonderes Interesse an der Geschichte des Schnapses und der Technik der Brenngeräte, die im Schwäbischen Schnapsmuseum in Bönnigheim ausgestellt sind. Die Kleinsachsenheimerin hat in ihrem Garten sehr viele Obstbäume stehen, deren Früchte sie zu Schnaps brennen lässt. Es sind in der Hauptsache Mirabellen, die sie zu einem Brennmeister bringt. Im Vergleich zu den improvisierten Gerätschaften, mit denen im Geheimen Schnaps gebrannt wurde, habe der Brennmeister eine „Riesenanlage“, erzählte Sigrid Kimmich, die mit einer Freundin in das Schnapsmuseum gekommen war. Interessant für sie: „Man sieht, dass man nur zwei Geräte braucht, um einen Schnaps zu brennen“, einen Topf, um Maische zu erhitzen und einen zweiten, um das Destillat aufzufangen. sol

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