Schwerpunkt Ärzteversorgung Die Lösung heißt Zusammenarbeit

Die Kinderärzte der Praxis "3Käsehoch" (von links): Jürgen Knirsch, Renate Mangelsdorf-Taxis und Harald Rickert.
Die Kinderärzte der Praxis "3Käsehoch" (von links): Jürgen Knirsch, Renate Mangelsdorf-Taxis und Harald Rickert. © Foto: Martin Kalb
Von Uwe Deecke 13.01.2018

Bönnigheim wächst und mit ihm die Kinderzahlen. Das spürt Renate Mangelsdorf-Taxis auch in der Gemeinschaftspraxis „3Käsehoch“, die sie zusammen mit  Dr. Harald Rickert, Jürgen Knirsch und Matthias Birke in Bönnigheim und Besigheim betreibt. „Wir sind bis an die Halskrause ausgelastet“, sagt die Kinderärztin, die Anfang 2015 die Kooperation begann. Man müsse auch neue Patienten von auswärts ablehnen, weil es einfach anders nicht mehr gehe. Sie macht daher Puffertermine bei Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen schon weit vor dem nötigen Termin, um die Patienten versorgen zu können.

Offiziell ist die Kinderarzt-Praxis Stromberg-Enz eine „überörtliche Berufsausübungsgemeinschaft“ mit zwei Praxen in Bönnigheim und Besigheim. Das bedeutet für die Ärzte weniger finanzielles Risiko, mehr Aufgabenteilung und auch Freiraum. Wenn ein Arzt einmal krank ist, müssen die Patienten nicht abgewiesen werden sondern gehen einfach zur zweiten Praxis. Angeboten werden Vorsorgeuntersuchungen für alle Altersgruppen, Allergiediagnostik mit Haut- und Bluttests, Lungenfunktionsdiagnostik, Elektrokardiographie (EKG), Ultraschalluntersuchungen, psychologische und psychometrische Testverfahren bei Schulproblemen, entwicklungsneurologische Diagnostik, Impfmedizin und alternative Behandlungsmethoden wie Akupunktur und Homöopathie sowie psychosomatische Abklärungen.

Nach dem Versorgungsschlüssel ist die Region offiziell überversorgt und Kinderarztpraxen müssten geschlossen werden. „Es will auch keiner aufs Land“, sagt die Bönnigheimerin, die den Grund auch im Versorgungsschlüssel sieht. Die Zahlen-Grundlage dafür sei „uralt“, sagt die Kinderärztin, und sie sei ursächlich für die momentane Situation. Veraltete Bedarfszahlen müssten aktualisiert werden, um das Problem lösen zu können. Auch mit den möglichen Nachfolgern für existierende Allgemeinpraxen gebe es daher auf dem Land große Probleme. Die Zahlen geben ihr recht: Der Anteil der Allgemeinmediziner, die über 59 Jahre alt sind liegt in Baden-Württemberg bei 33 Prozent, gleichzeitig sinkt die Anzahl der Facharztabschlüsse im Bereich Allgemeinmedizin stetig. Das finanzielle Risiko sei ein weiterer Grund, weshalb sich viele Ärzte nicht ins Abenteuer einer eigenen Praxis stürzen, schon gar nicht auf dem Land. Es müssen im Normalfall hohe Kredite aufgenommen werden, um die Einrichtung und die Geräte bezahlen zu können, die benötigt werden.

Die Lösung könnte in der Kooperation und in Gemeinschaftspraxen liegen. Sie selbst ist froh, den Weg gewählt zu haben, denn er biete viele Vorteile. „Es macht flexibler“, so die Ärztin, etwa wenn man selbst oder ein Kollege wegen Krankheit ausfällt und es schaffe auch Planungssicherheit. „Man kann sich organisatorisch vieles teilen“, so Mangelsdorf-Taxis. Ein weiterer wichtiger Grund für sie: „Es macht Spaß im Team zuarbeiten“, auch wenn die Patientenzahlen zugenommen haben. Ein Vorteil, den sie beim Arbeiten auf dem Land sieht, sei die geringere Fluktuation. Die Patienten bleiben der Ärztin treu und kommen immer wieder. So erlebt sie die Patienten von Kindesbeinen an bis ins Erwachsenenalter.

Geändert habe sich heute die Bereitschaft zum Arzt zugehen. Oft kommen Eltern mit ihren Kindern wegen Nichtigkeiten, die dann gar keine Behandlung nach sich ziehen. Die Leute gingen heute schneller zum Arzt, sagt die Bönnigheimerin, und „sie wissen ziemlich viel„. Oftmals aber auch nur aus Foren im Internet, die man gegoogelt hat und die auch oft nur Halbwissen von Betroffenen verbreiten. In ihrem Spezialbereich Allergologie und Homöopathie habe die Diagnostik schon stark zugenommen. Echte, gefährliche Allergien dagegen seien kaum mehr geworden, schätzt die Kinderärztin.

Von Cleebronn bis Ilsfeld reicht das Einzugsgebiet der Praxis in der Kirchstraße, auch aus Kirchheim, Lauffen oder Brackenheim kommen viele Patienten. Den größeren Besigheimer Raum deckt die Praxis in der Bahnhofstraße ab. Der Austausch sei eng, und man vertrete sich an den freien Tagen gegenseitig, sagt die Kinderärztin, die auch mit den Schulen und den Kindergärten vernetzt ist. Auf 4500 im Quartal schätzt sie die Patienten, die insgesamt ins „3Käsehoch“ kommen, wenn man die Privatpatienten einrechne. Dazu kommen nochmal rund 800 Notfallpatienten im Quartal. Wie viele Stunden sie in der Woche arbeitet, hat sie noch nicht nachgerechnet. Denn die Arbeit mache ja Spaß.