Bönnigheim Die Kanzel kommt nicht in die Cyriakuskirche

Bönnigheim / Michael Soltys 20.04.2017

Das hatte sich Kurt Sartorius wohl ganz anders vorgestellt, als er im Mai 2013 Zeuge war, wie die über Jahrzehnte im Kirchendach versteckte alte Kanzel der Cyriakuskirche am Kran zu Boden schwebte. Sie sollte wieder ihren Platz im Inneren der Kirche finden, dort, wo sie von 1864 an rund 100 Jahre gestanden hatte. Bei der Renovierung der Kirche 1961 war die Kanzel entfernt worden, wohl aus dem Gedanken heraus, dass der Pfarrer nicht mehr hoch über der Gemeinde stehen, „sondern mehr Bodenhaftung bei den Gemeindemitgliedern haben sollte“, wie es Sartorius ausdrückt.

Doch dem Vorhaben des Heimatforschers gab der Kirchengemeinderat eine deutliche Absage. Er beschloss schon vor Monaten, dass die alte Kanzel nicht in die Kirche kommt. Die Gründe erfuhr Sartorius bei einer Aussprache vor wenigen Tagen, um die er auch selbst gebeten hatte. Die Kirche sei ein Raum zum Beten, habe man ihm gesagt. „Schnik-Schnak“ wie die alte Kanzel sei dazu nicht notwendig. „Ist das nicht kulturlos?“, empörte sich Sartorius gegenüber der BZ.

„Keineswegs“, dürfte ihm Martin Burger antworten, seit September vergangenen Jahres Pfarrer in Bönnigheim. Während der damalige Pfarrer Eyub Aksoy die Hebung der Kanzel unterstützt hatte, wendet sich Burger mit klaren Worten gegen die Installation in der Cyriakuskirche. „Der Pfarrer schwebt nicht mehr über der Gemeinde“, begründet er die Ablehnung aus theologischer Sicht und damit mit ähnlichen Argumenten, wie sie bereits 1961 eine Rolle gespielt hatten. Die Kommunikation zwischen Pfarrer und Gläubigen verlaufe anders, wenn sich beide gegenüber stünden. Die Kanzel gehöre auch gar nicht zum historischen Kernbestand der gotischen Kirche, versuchte Burger im Gespräch mit der BZ die Argumentation von Kurt Sartorius zu widerlegen.  „Die Kirche ist kein Museum“, so Burger weiter, „sondern sie ist ein Ort, um Gottesdienst abzuhalten“. Und dafür sei die jetzige Kanzel besser geeignet.

Burger machte auch deutlich, dass es nie einen Beschluss des Kirchengemeinderats gegeben habe, die Kanzel in der Kirche zu installieren. Es sei 2013 lediglich darum gegangen, die Kanzel, die bis dahin in einem Verschlag über dem südlichen Lettnerflügel untergebracht war,  zu bergen.

Nicht genug, dass die historische und theologische Sicht der Beteiligten so weit auseinandergehen ­– auch auf der menschlichen Ebene klemmt es gewaltig, wie aus den Stellungnahmen hervorgeht. Denn Sartorius hatte sich mit seinem Anliegen an den Oberkirchenrat und das Landesamt für Denkmalpflege gewandt – in Absprache mit dem damaligen Pfarrer Aksoy und dem Kirchengemeinderat, wie er betont. Beim jetzigen Kirchengemeinderat muss dieses Vorgehen jedoch ausgesprochen schlecht angekommen sein. Sartorius spricht von einem „Missverständnis, das sich hoffentlich ausräumen lässt“.

Der Bönnigheimer, Vorsitzender der Historischen Gesellschaft, glaubt nach wie vor, dass die Bönnigheimer die Installation der alten Kanzel wünschen, jedenfalls diejenigen, „die sie noch erlebt haben“. Und er verweist darauf, dass rund 14 000 Euro Spenden für die Kanzel eingegangen seien und die Handwerker, die 2013 an der Bergung der Kanzel beteiligt waren, diese Arbeit ehrenamtlich geleistet haben.

Was die Spendengelder angeht, von denen die Hälfte bei einem Einbruch in ein Wohnhaus verloren gegangen ist, so hat Pfarrer Burger auch dazu eine dezidierte Meinung: Sie sind für die Renovierung der Kirchenkanzel gedacht, nicht dafür, die Kanzel wieder aufzustellen. „Das haben wir detailliert nachgeforscht“, sagte er. Das restliche Spendengeld ist noch vorhanden, und es werde zur Verfügung gestellt, „wenn es eine gute Idee für die Kanzel gibt“. Bis dahin dürfte die Kanzel in der Zehntscheune bleiben, wo sie seit ihrer Bergung untergebracht ist. So klar Burgers Stellungnahme ausfiel, so wenig wollte sich Monika Binder, Vorsitzende des Kirchengemeinderats, nach Rücksprache mit dem Gremium gegenüber der BZ dazu äußern. Die Entscheidung des Kirchengemeinderats sei bereits im Dezember in nicht-öffentlicher Sitzung des gefallen, sagte sie.  Der jetzige Kirchengemeinderat, der im Dezember 2016 gewählt wurde, sei ebenso wenig in das Vorgehen über die Verwendung der Kanzel eingebunden gewesen wie das Vorgänger-Gremium. Dies sei alleine Sache von Kurt Sartorius und des damaligen Pfarrers Eyub Aksoy gewesen.

Kanzel war über Jahrzehnte weggeschlossen

Die alte Kanzel stammt nach Informationen von Kurt Sartorius aus dem Jahr 1864 und wurde von Fabrikant Immanuel Böhringer gestiftet. Bei der Renovierung der Cyriakuskirche im Jahr 1861 wurde sie aus dem Kirchenraum entfernt. Die Kanzel in ihrer neugotischer Form wurde in der gotisch geprägten Cyriakuskirche als Kitsch erachtet. Die Kanzel wurde in einen Raum über dem Lettner gebracht, der zugemauert wurde, was 2013 dazu zwang, das Dach der Kirche zu öffnen, um die Kanzel bergen zu können. Die Intention damals: „Der Pfarrer sollte nicht mehr hoch über der Gemeinde stehen, sondern mehr Bodenhaftung bei den Gemeindemitgliedern haben“, sagt Sartorius.
Die Bemühungen des Hobby-Historikers um die Kanzel lassen sich bis ins Jahr 1998 zurück verfolgen. Damals schlug er vor, sie in der Friedhofskapelle unterzubringen. Den Beschluss zur Bergung der Kanzel fasste der Bönnigheimer Kirchengemeinderat im Dezember 2012. Rund 250 Menschen verfolgten die Aktion, bei der das Dach geöffnet, die Kanzel mit einem Kran herausgehoben und so von ihrem kümmerlichen Dasein befreit wurde. 
Die Kanzel kam damals in die Zehntscheuer, wo sie einige Monate später von einem Restaurator besichtigt wurde. Ein Beschluss über die Restauration und die weitere Verwendung fiel damals nicht. Mit Fotomontagen versuchte Sartorius die Wirkung der Kanzel in der Cyriakuskirche darzustellen. Sie sollte an der zweiten Säule westlich des Lettners aufgestellt werden. „So wäre der Pfarrer noch immer vor der Gemeinde“, argumentiert er. Mit dem Beschluss des Gemeinderats, die Kanzel nicht in der Kirche aufzustellen, sind diese Pläne jedoch Makulatur.