Sie sind das Ideal der Werbebranche und der Konsumenten, prangen auf Litfaßsäulen und flimmern über Bildschirme: die Topmodels der Reklameindustrie. Sie haben makellose Haut, einen wohlgeformten Körper und blitzend weiße Zähne. Viele wollen so sein wie sie, Maxi ist anders. Ihre gold-braunen Augen leuchten und um ihren Mund zuckt ein charmantes Lächeln. Sie ist schön und wirkt lebensfroh. Eine junge und selbstbewusste Frau Anfang 20 mit Glatze und einer fehlenden Brust. Der ausbrechende Krebs und die dazugehörige Chemotherapie haben Maxi verändert. Sie fragte ihre Freunde: "Sehe ich denn überhaupt noch aus wie eine Frau, so ohne Haare und mit nur einer Brust?" Ja, haben sie ihr geantwortet, sie sei immer noch eine Frau und immer noch genau so schön. Trotzdem war sie unsicher. Ihr geht es dabei wie vielen anderen, die sich in ihrem Alltag sehr häufig mit Vorurteilen konfrontiert sehen, weil ihr Aussehen nicht den herkömmlichen Schönheitsidealen entspricht.

Die Bönnigheimerin Miriam Münzenmaier, die mittlerweile in Würzburg Kommunikationsdesign studiert, hat sich im Zuge einer Studienarbeit mit Maxi und vielen anderen jungen Menschen zusammengesetzt. Neben dem Studium arbeitet sie als selbstständige Fotografin. Mitte Oktober diesen Jahres, lancierte sie eine Anzeige auf Facebook.

Für einen Bildband zum Thema Schönheit suchte sie nach Fotomodellen und Interviewpartnern mit "Makeln". Menschen wie du und ich, deren äußere Erscheinung nicht in das von der Gesellschaft aufgezwungene und ausgelebte Ideal passt. "Ich hatte immer schon den Gedanken, dass Menschen schön sind, so wie sie sind", erzählt Miriam Münzenmaier. Der Bildband soll das festhalten.

Die Resonanz im Internet war enorm. Viele Menschen meldeten sich bei der jungen Fotografin und waren zum Gespräch bereit. Binnen Kurzem war Münzenmaier in ganz Deutschland unterwegs. Lange unterhielt sich mit ihnen, hörte zu und fotografierte ihre Gesprächspartner. Daraus ist ein Bildband geworden, indem die Porträtierten zu Wort kommen. Er heißt "Golden - Wir alle sind aus Sternenstaub". Auf 70 Seiten erzählen zehn junge Menschen ihre Geschichte. Sichtbar befreit blicken sie in die Kamera. Ohne Scham und Angst vor einem Makel, niemandem verpflichtet als sich selbst.

So machte sie die Bekanntschaft vieler Menschen. Unter anderen traf sie Anh, eine junge Frau mit ansteckendem Lachen, die in der Nähe von Schloss Monrepos in Ludwigsburg lebt. Seit einem Autounfall hat sie große und tiefe Narben auf ihrem Bauch. Oder Ela, mit den Lachgrübchen auf den Wangen, deren Arm sich nicht richtig entwickeln konnte. Im Mutterleib wickelte sich die Nabelschnur um ihren Unterarm. Dessen Entwicklung setzte aus. Nur ein kleiner Finger hat es geschafft. Auch Sarah, ein lebendiges, quirliges Mädchen mit Übergewicht berichtet, wie sie unter den abschätzigen Blicken ihrer Mitmenschen zu leiden hatte. Aus Scham, sie sei zu dick, verweigerte sie über Jahre hinweg immer wieder tagelang die Nahrungsaufnahme. Erst nach langer Behandlung traute sie sich wieder zum regelmäßigen Essen.

"Für viele war es ein Gefühl der Befreiung", erinnert sich Münzenmaier im Gespräch mit der Bietigheimer, Sachsenheimer, Bönnigheimer Zeitung. Endlich konnten sie sagen und zeigen, dass es in Ordnung ist, anders zu sein. Maxi, eine der fotografierten jungen Frauen, kamen sogar die Tränen, "weil sie sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder schön fühlte", erzählt die Studentin und Fotografin weiter. Ihr sei es darum gegangen, die Menschen so zu fotografieren, wie sie sich selbst schön empfinden. Daher sei der Bildband für sie auch eine Art Gesellschaftskritik: "Die Gesellschaft ist abgestumpft. Jeder, der nicht in das gewohnte und gewollte Bild passt, wird angestarrt."

Mit dem Bildband stemmen sich Miriam Münzenmaier und die von ihr Porträtierten einer beunruhigenden Entwicklung entgegen. "Ich denke dabei an das 1,75 Meter große Model, das sich auf der Couch räkelt und in der fertigen Anzeige 1,85 Meter groß wirkt, inklusive retuschierter Cellulite", so Münzenmaier. In der Werbung wird Schönheit so zu einer drückenden Last, einem fernen Ideal, erreichbar nur für wenige Menschen - und durch ein elektronisches Bildbearbeitungsprogramm. Schönheit sei aber mehr als ein Anspruch von außerhalb, vielmehr eine innere Haltung. Münzenmaier: "Schönheit ist kein Ideal, kein Wunschbild und keine Utopie. Schönheit, Schönheit ist Größe, Mut und Selbstvertrauen."

Info
Am 12. Januar erscheint eine erste kleine Auflage des Buches im Selbstverlag. Je nach Nachfrage und Resonanz, plant Münzenmaier, das ein oder andere Exemplar nachzudrucken.