Die Deutsche Bahn AG plant, bis zum Jahr 2029 den Anteil barrierefrei erreichbarer Stationen von jetzt 80 Prozent weiter zu erhöhen. Aus diesem Grund wurde gemeinsam mit dem Land im Jahr 2009 das Bahnhofmodernisierungsprogramm auf den Weg gebracht, in dem zwischen Bahn und Land verhandelt wird, welche Bahnhöfe umgebaut werden. Dass nun weder Kirchheims noch Besigheims sondern Walheims Bahnhof im Rahmen des Modernisierungsprogramms der Bahn barrierefrei wird, hat Kirchheims Bürgermeister Uwe Seibold „mit Interesse vernommen“.

Seibold ist bislang der Meinung gewesen, dass solche Entscheidungen von den Fahrgastzahlen beeinflusst werden, so Seibold auf Anfrage der BZ. Und bei diesen liegt Kirchheim eindeutig vorn, ebenso wie bei der Knotenfunktion oder bei streckenbezogenen Aspekten.

Viele Pendler in Richtung Stuttgart kommen täglich in den Ort, um in die Regionalbahn zu steigen und parken das Bahnhofsviertel zu. Nur ein kleinerer Teil nutzt die P+R-Anlage, die nun an den Verband Region Stuttgart verpachtet werden soll, wenn die Modalitäten geklärt sind. Die Kommune will das Angebot aus Stuttgart zwei Jahre auf Probe annehmen – und hat Bedenken. Wenn Dauerparkplätze wegfallen, könnte ein Suchverkehr eintreten, der die Situation am Bahnhof noch verschlimmert.

Täglich 1400 Pendler

Die Gemeinde will ein Parkleitsystem, um keinen unnötigen Verkehr zu schaffen. Nach Erhebungen gibt es hier 1400 Pendler pro Tag, von denen 700 individuell mit dem eigenen Auto fahren. 400 auswärtige Autos unterzubringen, die um den Bahnhof herum parken, sind ein Problem, das die Kommune mit einer Parkzeitbegrenzung regeln möchte. Dazu soll künftig auch der Parkplatz an der Gemeindehalle für Pendler genutzt werden und die Situation am Bahnhof entlasten (die BZ berichtete)

Die Entscheidung zwar Walheim, aber nicht Kirchheim oder Besigheim barrierefrei auszubauen ist für Seibold „ein Muster ohne Wert“. Gleichzeitig sollen die Planungen zur Verkehrsberuhigung und der Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes fortgeführt werden. „Wir werden unsere Planungen für den Vorplatz vorantreiben und dann auf die Bahn zugehen“, betonte Seibold auf Anfrage der BZ. Wichtig dafür wäre ein Teilflächenerwerb von der Firma Cronimet, die unlängst beim Landratsamt die Wiederinbetriebnahme angezeigt hat. Noch sei man in Verhandlungen, so Seibold, der zu diesem Zweck auch zu Gesprächen nach Karlsruhe reist.

In Kirchheim ist die Lage für gehbehinderte Menschen besonders schwierig. Die Treppen der heruntergekommenen Unterführung sind für sie unbenutzbar und sie müssen über die P+R-Anlage den langen Umweg ohne Gehwege nehmen, wenn der Zug auf dem neckarseitigen Gleis hält. „Insgesamt traurig, was da abgeht“, kritisierte der langjährige Rathauschef die Entscheidung. Nach dem neuen Personenbeförderungsgesetz müssen alle Bushaltestellen ab 2022 barrierefrei sein, doch am Bahnhof tue sich nichts.

Keinen stufenfreien Zugang haben im Landkreis Ludwigsburg nur noch die Bahnhöfe in Kirchheim, Besigheim, Sachsenheim und Walheim. Obwohl die Stadt Besigheim schon alle Hebel in Bewegung gesetzt habe, blieb man dort ebenso unberücksichtigt wie in Kirchheim. Seibold hofft jetzt, dass ein Gesetz noch helfen könnte.

Grundsätzlich ist die Modernisierung von Bahnhöfen zwar eine Aufgabe der Eigentümer der Infrastruktur, also der Deutschen Bahn. Der barrierefreie Um- und Ausbau von Haltestellen wird aber vom Land auch im Rahmen des Landesgemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes gefördert. Dabei können Antragsteller eine Förderung in Höhe von bis zu 50 Prozent der anfallenden Baukosten vom Land erhalten.

Auch die barrierefreien modernen Züge von Abellio werden noch auf sich warten lassen, wenn am 15. Dezember die neuen Betreiber starten. Es gibt Lieferschwierigkeiten, sodass die nächsten Monate weiter die Bahn die Züge stellen wird. Immerhin hat Go-Ahead nun zugesichert, dass der Regionalexpress doch mit neuem Zugmaterial mit allen erdenklichen Extras ab 15. Dezember von Stuttgart nach Würzburg funktionieren wird.

Sie werden aber weder in Besigheim noch in Kirchheim halten und Seibold kann ihnen vom Rathaus aus nur beim Vorbeifahren zuschauen, während im Gemeindegebiet der Zubringerverkehr zur Autobahn für Staus und Lärm sorgt. „Vor der Oase vertrocknet“, beschreibt Bürgermeister Uwe Seibold den Zustand, an dem sich für Kirchheim trotz vieler Bemühungen seit Jahren nichts ändert.