Mit den Geschehnissen in Halle, dem Mord an zwei unschuldigen Menschen, und dem Angriff auf eine Synagoge ist der traurige Beweis erbracht, dass sich in Deutschland der Antisemitismus so formiert hat, das er in Gewalt ausartet. Hinweise oder Warnungen für antisemitischen Hass gab es genug. Der Beauftragte der Landesregierung gegen Antisemitismus, Dr. Michael Blume, hielt erst vor kurzem im Pädagogisch-Kulturellen Centrum Ehemalige Synagoge (PKC) in Freudental einen Vortrag zum Thema „Semitismus und Antisemitismus“, in dem er von einer tatsächlichen Bedrohung für die demokratische Gesellschaft sprach.

Der promovierte Religionswissenschaftler ist der Beauftragte der Landesregierung gegen Antisemitismus und hat erst vor kurzem den ersten Antisemitismusbericht des Landes herausgebracht. Er beleuchtet, wie durch das Aufkommen von Medien wie Buchdruck, Film und Internet immer wieder antisemitische Bedrohungsszenarien entstehen.

Mit der Einführung der großen neuen Medien wie dem Internet, so Blume, sei es jeweils zu einem starken Aufschwung von antisemitischen Legenden gekommen. „Beobachten kann man dies gerade in den sogenannten sozialen Netzwerken, die den Juden die Schuld für viele aktuelle wirtschaftliche und politische Probleme zuschieben“, sagte Michael Blume. „Gegen diese Legenden können und müssen wir uns gemeinsam aufstellen, um die Grundwerte der Demokratie und der Toleranz zu verteidigen“, führte er aus. Er empfiehlt, Kooperationen, wie Schul- oder Vereinspartnerschaften mit Israel zu unterstützen, um vor allem in Schulen demokratische Einstellungen zu fördern.

Das PKC in Freudental sieht sich als ehemalige Synagoge, Gedenkstätte und Bildungsakademie in dieser Pflicht stehen, führt der Leiter für Pädagogik und Kultur, Michael Volz, aus. Seit der Gründung der Institution ist der Demokratisierungsaspekt und die Aufklärung wichtigstes Ziel des PKC. „Alle Bemühungen des Pädagogisch-Kulturellen Centrums Ehemalige Synagoge Freudental sind gerichtet auf das Lernziel Demokratie und Toleranz“, heißt es in den Grundlagen der PKC-Pädagogik. Hierzu gibt es Vorträge, Führungen, Seminare, Gedenkveranstaltungen, Gesprächsangebote zwischen Christen, Juden und Muslime sowie die Möglichkeit an einem Austausch teilzunehmen. Es gibt in der Vergangenheit immer wieder Projekte wie „Open Heart“, die die Begegnung von Jugendlichen aus dem Kreis Ludwigsburg mit jungen Muslimen und Juden in Israel zum Ziel hatten.

Dass der Antisemitismus latent vorhanden ist und seit einiger Zeit wieder aufflammt, war für Volz der Anlass, Michael Blume nach Freudental einzuladen, aber auch, im Dezember einen Lerntag über „Hass und Hate Speech im Internet“ anzubieten. „Wir wissen doch ganz genau, auch aus der Ortsgeschichte heraus, wie schnell Antisemitismus in Gewalt gegen Minderheiten umschlagen kann“, sagt der Pädagoge. Sehr betroffen hat ihn bei den Vorgängen in Halle nicht nur der fast zufällige Mord an zwei Passanten: „Daran merkt man, wie gewaltbereit dieser Mensch war“.  Unfassbar ist auch für ihn die symbolische Kraft des Tages, an dem die Tat begangen wurde: am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, dem Versöhnungsfest. „Es ist grotesk, dass an diesem Tag, an dem es um die Vergebung von Sünden geht, so eine Tat passiert, genau so wie 1973 der Jom-Kippur-Krieg von den arabischen Nachbarstaaten gegen Israel begonnen wurde“, so Volz.

Gerade in Freudental erinnerten, so der pädagogische Leiter des PKC, die Ehemalige Synagoge und der jüdische Friedhof als Mahnmal daran, wie schnell aus einer kleinen Minderheit von etwa zehn Prozent der örtlichen Bevölkerung Verfolgte werden können. „Mehr als 200 Jahre lang haben Juden und Christen friedlich in Freudental zusammen gelebt, innerhalb kürzester Zeit wurden Gewalttaten möglich“, sagt er.

Gegen den neu erstarkten Antisemitismus, so Volz, helfe nur Bildung durch eine Kultur der Demokratisierung. Deshalb sei es für das PKC wichtig, Fortbildungen gegen Antisemitismus zu unterstützen, wie im Kreishaus, zu der die Schulleitungen vom Regierungspräsidium eingeladen werden.

„Wir werden es vermutlich nicht schaffen, tatsächliche Antisemiten zu bekehren, denn die reden nicht mit uns und kommen nicht zu unseren Veranstaltungen, aber wir können versuchen, dass kaum neue Antisemiten dazu kommen und dass die, die noch keine Meinung haben, sich gegen den Hass entscheiden“, sagt er.

„Beobachten, wahrnehmen, Zeichen setzen, sensibler reagieren“, das sei es, was jeder Einzelne tun könne. Vor allem die Begegnungen mit Juden seien für Jugendliche wichtig, es gehe dabei nicht um Betroffenheit über die Vergangenheit. „Zu sehen, dass jüdische Jugendliche genauso ticken wie alle anderen, auch im Internet surfen oder gerne Fußball spielen, dass sie keine Feinde sind, die uns was wegnehmen wollen, könnte in Zukunft etwas verändern“, sagt der PKC-Leiter. „Hass gegen Minderheiten greift unsere Gesellschaft an“, so Michael Volz. „Wer sich heute gewaltbereit gegen Juden, Muslime oder Ausländer wendet, könnte sich morgen weitere Opfer suchen.“

Bericht zum Antisemitismus


Angesichts des wieder aufflammenden Antisemitismus haben die Landesregierung und der Landtag von Baden-Württemberg 2017 die Einsetzung eines Beauftragten gegen Antisemitismus beschlossen. Der erste Antisemitismus-Beauftragte des Landes, Dr. Michael Blume, stellte im Juli diesen Jahres einen ersten Bricht vor. Der Anstieg antisemitischer Straftaten im vergangenen Jahr um knapp 40 Prozent in Baden-Württemberg zeige, dass sich der digital befeuerte Antisemitismus vermehrt in Straftaten ausdrückt. Insgesamt wurden 136 antisemitische Straftaten gemeldet, die registriert wurden. Seit April 2018 gibt es die Meldepflicht von religiös begründeter Diskriminierung an Schulen. Die Studie besagt auch, dass in Baden-Württemberg 5,4 Prozent der Bürger antisemitische Einstellungen haben, bundesweit sind es 4,4 Prozent.

Auf Anfrage beim Polizeipräsidium Ludwigsburg ist nach Einschätzung er Staatsschützer laut Kriminalhauptkommissar Stefan Hermann „im Kreis keine rechtsextreme Szene aktiv“. Es gebe wohl immer mal wieder Hakenkreuzschmierereien. „Aufgrund des Vorfalls in Halle an der Saale werden die betreffenden jüdischen Einrichtungen in unserem Zuständigkeitsbereich bis auf Weiteres einer stärkeren Bestreifung unterzogen“, so Hermann. Bei Bedarf werden weitere Maßnahmen getroffen, sagt er.

Das PKC Freudental bietet am Samstag, 7. Dezember, den nächsten Vortrag im Rahmen der Reihe „Gärten der Wissenschaft“: Dirk Werhahn, Geschäftsführer des Evangelischen Kreisbildungswerks Ludwigsburg spricht über „Hass und Hate Speech im Internet“. Der Lerntag für alle findet von 10 bis 16 Uhr im PKC statt. Eine Anmeldung im Internet ist notwendig. sz

www.stm.baden-wuerttemberg.de
www.pkc.de