Blaubeuren / Bettina Claass-Rauner

Seit 1994 konzertieren die Bratschistin Nora Niggeling und der Pianist Joachim Wagenhäuser gemeinsam. Für ihr Gastspiel im Dorment hatten sie vierzehn Stücke im Gepäck, wahrhaftig ein Mammutprogramm, das zwei Stunden dauerte. Dass der Kammermusikabend nicht zum Parforce-Ritt wurde, lag an der gelungenen Mischung und der packenden Moderation von Joachim Wagenhäuser.

Mit Esprit und Detailwissen bettete Wagenhäuser die Musikstücke in den zeitlichen Kontext ein, stellte musikalische Bezüge her und erzählte Anekdoten zu den Komponisten und ihren Werken. Beide Musiker boten mit ihrem erstklassigen und ebenbürtigen Spiel den gut hundert Zuhörern einen kurzweiligen Hörgenuss quer durch die Epochen.

Eine Viola als Soloinstrument? Das hört man nicht alle Tage. Aber es funktioniert. Sogar sehr gut. Der andersartige, sonore Ton klang überraschend angenehm. Die Bratschistin Nora Niggeling blickt auf eine erfolgreiche Konzertzeit mit dem Mandelring-Quartett zurück, mit dem sie den internationalen ARD-Musikwettbewerb und den renommierten Streichquartett-Wettbewerb im Evian gewann. Ihr Können demonstrierte Nora Niggeling gleich zu Beginn mit dem barocken Eröffnungsstück, der Sonate d-Moll op. 5/12 „La Follia“ von Arcangelo Corelli. Rasante Läufe und Doppelgriffigkeit meisterte sie mühelos und steigerte das einprägsame Moll-Thema zu virtuosen Höhepunkten.

Das oft adaptierte Corelli-Stück lebt vom Wechsel zwischen schnellen und langsamen Sätzen. Ein Muster, dem auch das Konzertprogramm folgte. Feurige Tänze und melancholische Passagen wechselten sich ab und erzeugten einen Spannungsbogen, der keine Langweile aufkommen ließ.

Zum Vortrag kamen zwei ungarische Tänze von Johannes Brahms, die weltberühmte „Habanera“ von Georges Bizet aus der Oper „Carmen“, der Tanz Nr. 2 „Oriental“ des Spaniers Enrique Granados und der Bolero „Puerta de tierra“ von Isaac Albeniz, ein „temperamentvolles Partystück und spanisches Fest“, wie es Joachim Wagenhäuser vorstellte. Er bewies, dass er auf höchstem Niveau konzertiert und faszinierte die Zuhörer mit seiner ausdrucksstarken Spieltechnik. Wagenhäuser, der wie Niggeling aus Frankfurt stammt, war viele Jahre ein international gefragter Kammermusikpartner für Instrumentalisten, Sänger und Chöre. Und Wagenhäuser kann erzählen, beispielsweise über Albeniz: Im Alter von zwölf Jahren riss das Wunderkind aus und schiffte sich als blinder Passagier bis nach Kuba ein.

Melancholische Passagen

Für die interessanten Stimmungswechsel und melancholischen Passagen im Programm sorgten unter anderem drei Kompositionen der beiden Russen Alexander Glasunow und Alexander Skrjabin, sowie die „Valse triste“ op. 44 des finnischen Komponisten Jean Sibelius. Das Stück beschreibt, wie eine Sterbende ein letztes Mal Walzer tanzt.

Höhepunkt des Abends war das bekannte Scherzo von Brahms aus der „FAE-Sonate“. Diese komponierten Albert Dietrich, Robert Schumann und Johannes Brahms 1853 als Geburtstagsgeschenk für den damals besten Geiger. Dessen Lebensmotto war: „Frei, aber einsam“ und gab der Sonate den Namen. Niggeling und Wagenhäuser überzeugten durch ihr ausgefeiltes, harmonisches Zusammenspiel bei diesem sehr anspruchsvollen Stück.

Den Abschluss des Konzerts bildete schließlich der furiose „Czárdás“ von Vittorio Monti, ein geigerisches Feuerwerk. Nora Niggeling meisterte den „Bratschen-Stunt“ mit der berühmten Flageolett-Passage bravourös. Das Publikum war begeistert und forderte eine Zugabe ein.

Weitere Konzerte im Kloster geplant

Konzerte Mehr klassische Musik gibt es im Kloster Blaubeuren am 31. März bei einem Seminarkonzert im Klosterkirchensaal. Ein Kammermusikabend mit Klavier und Bratsche findet am 23. Februar im Dorment statt, das „Vokalformat 8“ tritt am 26. April auf, am 18. Mai gibt’s ein Konzert „100 Jahre Jazz“ mit Tilmann Jäger und am 28. Juli tritt das Vokalquintett Calmus Ensemble auf.