Konzert Musikalisches Stelldichein mit Knochenflöten aus Europa

Blaubeuren / Thomas Spanhel 05.10.2018

Hat die Musik vor 40 000 Jahren ähnlich geklungen wie die, die volkstümliche Ensembles in Europa heute noch präsentieren? Tatsache ist, dass in einigen Ländern nach wie vor auf Knochenflöten musiziert wird. Manfred Stingel, Kulturratsvorsitzender des Schwäbischen Albvereins, hat deshalb das traditionsreiche Sackpfeifen-Festival in Schwaben unter den Titel „Heimatklänge vor 40 000 Jahren?“ gestellt. 14 Ensembles aus ganz Europa, die am Donnerstag, 18. Oktober, um 19 Uhr in der Stadtkirche in Blaubeuren ihr erstes Konzert geben, bringen alte Knochenflöten aus ihrer Heimat mit und stellen ihre darauf traditionell gespielte Musik vor. Neben Blaubeuren werden sie auch in Ulm, Balingen und Dürrwangen auftreten.

14 Gruppen reisen zum Festival an: Sie kommen aus Frankreich, Griechenland, der Ukraine, Sardinien, Sizilien, Galizien, Georgien, der Slowakei, Kroatien, Litauen, Bulgarien, dem Baskenland, Rumänien – und aus Balingen. „Die sardischen Flöten waren aus Flamingobeinen“ berichtet Manfred Stingel über die Launedda, die sardische Flöte, die ihm bei seinem Besuch auf der Insel vor zwei Jahren gezeigt wurde. Das überraschte das aktive Albvereins-Vorstandsmitglied und brachte ihn zum Nachdenken.

Schon kurze Zeit später belegte er einen Kurs in Knochenflötenbau im Urgeschichtlichen Museum. „Wir haben zwei Flöten nachgebaut, die in Höhlen in der Schwäbischen Alb gefunden wurden. Ich dachte: Da müssen wir doch was draus machen.“ Die Idee für das Thema beim Sackpfeifen-Festivals 2018 war geboren.

In dem aufwändig gestalteten Programmheft zu den Konzerten sind die Gruppen in ihren volkstümlichen Kostümen und die aus den jeweiligen Ländern stammenden uralten Flöten abgebildet. Gleichzeitig wird über die Musikgruppe sowie den Fundort, das Alter und die jeweiligen Eigenheiten der alten Flöten informiert. Über Georgien erfährt man beispielsweise: „Die Knochen-Salamuri ist klein und mit drei Löchern versehen. Die Forscher konnten am Anfang nur vier Töne erzeugen. Später fand man heraus, dass man der Knochenflöte sogar zehn Töne entlocken kann.“ Flöten aus Schwanenknochen stammen in Georgien aus dem 14. Jahrhundert.

Flöte aus einem Schienbein

Aus der „Ukraine“ kommt eine Flöte aus Mammutelfenbein. Professor Larysa Kulakowska berichtet: „Die gefundenen Musikinstrumente reichen für ein ganzes Orchester, offensichtlich waren die Melodien, die damals gespielt wurden, einfach, rhythmisch, laut und phantastisch.“ Eine Flöte aus Sizilien stammt wohl von einem menschlichen Schienbein, jene aus der Slowakei von einem Geweih. Mit kunstvollen Ornamenten verzierte Flöten stammen aus Kroatien und sind aus Adlerknochen hergestellt.

In Blaubeuren werden die Musiker schon ab Mittag von der Ortsgruppe des Albvereins bewirtet und betreut – die Vorbereitungen laufen. Stingel organisiert seit 1997 alle drei Jahre ein internationale Sackpfeifentreffen in Schwaben. Die Flöte ist die Spielpfeife eines Dudelsacks. Dudelsackmusiker sind allesamt gute Flötenspieler. Daher lag es für Stingel nahe, die Flöte in den Fokus des diesjährigen Sackpfeifen-Festivals zu rücken.

In Sardinien wie in Griechenland ist die Tradition an Knochenflöten ungebrochen. Sie würden heute noch bei Festen eingesetzt.  Deshalb ist er zuversichtlich, im Vergleich der Flöten bei schöner Musik interessante Erkenntnisse zu erhalten. Und, fügt Stingel schmunzelnd hinzu: „Man muss ja was für die Völkerverständigung machen.“

Projekt des Europäischen Kulturerbejahres

Das Sackpfeifen-Festival ist Teil des Europäischen Kulturerbejahres 2018, das von der EU ausgerufen wurde und das das Bewusstsein für die europäische Geschichte schärfen und das Gefühl einer europäische Identität stärken soll. Gemeinsam auf den alten Instrumenten Musik zu machen, lasse das kulturelle Erbe aufleben. Getreu dem Motto „Sharing Heritage“ könne man es mit vielen internationalen Freunden und Besuchern teilen, sagt Manfred Stingel vom Schwäbischen Albverein.

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