Geschichte Gerhauser als Gerechter geehrt

Die Gerhauser Konfirmanden des Jahres 1911. Julius von Jan steht in der hinteren Reihe ganz rechts.
Die Gerhauser Konfirmanden des Jahres 1911. Julius von Jan steht in der hinteren Reihe ganz rechts. © Foto: Kirchengemeinde
Gerhausen / Margot Autenrieth-Kronenthaler 07.09.2018

Pfarrer Julius von Jan ist posthum mit dem Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet worden. Damit würdigt die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem die Verdienste des Pfarrers, der sich gegen die Verfolgung von Juden während der NS-Diktatur einsetzte. Er benannte in seiner Bußtagspredigt 1938 offen und klar die Verbrechen der Reichsprogromnacht am 9. November 1938. Für seinen Mut musste der Pfarrer Misshandlungen und eine Gefängnisstrafe auf sich nehmen.

Julius von Jan verbrachte seine Kinder- und Jugendjahre in Gerhausen und Blaubeuren. Er war im Alter von fünf Jahren mit seiner Familie nach Gerhausen gekommen, da sein Vater Albert von Jahn 1902 die Pfarrstelle in Gerhausen übernommen hatte. Julius wurde in Gerhausen konfirmiert und besuchte dort auch die Volksschule. Später wechselte er auf die Lateinschule in Blaubeuren. Von 1911 bis 1914 besuchte er die evangelisch-theologischen Seminare in Maulbronn und Blaubeuren. Er habe mit großem Eifer gelernt und diese Zeit als eine besonders fruchtbare in Erinnerung behalten, wird berichtet.

Nach dem ersten Weltkrieg durchlief Julius von Jan die klassisch württembergische Theologenausbildung im Tübinger Stift der Eberhard-Karls-Universität. 1935 übernahm er, inzwischen mit Martha Munz verheiratet und Vater eines Sohnes, in Oberlenningen am Fuß der Schwäbischen Alb die Pfarrstelle. Und hier kam es zu der besagten Predigt am 16. November 1938, dem Buß- und Bettag. Julius von Jan wird als eher stiller Mensch beschrieben. Seine mutige Predigt über Jeremia 22, sei „geboren aus dem schlichten, aber strikten Gehorsam des Glaubens“, beschrieb es von Jans Freund Otto Mörike, der als Gottesdienstbesucher anwesend war.

Julius von Jan klagte, dass Männer, die des Herrn Wort sagten, ins KZ geschickt oder mundtot gemacht würden. Von Jan war selber Mitglied der Bekennenden Kirche und kritisierte die linientreuen sogenannte Deutschen Christen. Er klagte über deutsch-christliche „Lügenprediger, die nur Heil und Sieg rufen, aber nicht des Herrn Wort verkündigen.“       Über die Reichsprogromnacht, ein vom nationalsozialistischen  Regime organisierter und gelenkter landesweiter Gewaltausbruch gegen Juden, urteilte er in der Predigt so: „Die Leidenschaften sind entfesselt, die Gebote missachtet, Gotteshäuser, die anderen heilig waren sind ungestraft niedergebrannt worden, das Eigentum der Fremden geraubt und zerstört.“

Bewusstes Risiko

Der Pfarrer wusste, was er mit seinen offenen Worten riskierte, aber es musste für ihn auch wie eine Befreiung gewesen sein. Denn er beendete die Predigt mit den Worten: „Gott Lob! Es ist heraus gesprochen vor Gott und in Gottes Namen. Nun mag die Welt mit uns tun was sie will. Wir stehen in unseres Herren Hand.“

Zweihundert SA-Leute versuchten am 25. November unter wüsten Beschimpfungen, das Pfarrhaus zu stürmen, fanden jedoch nur den schlafenden Sohn und eine Gruppe von Mädchen beim Adventskranzbinden vor. Julius von Jan wurde im benachbarten Schopfloch nach einer Bibelstunde aufgegriffen und unfreiwillig ins Auto gezerrt, zurück nach Oberlenningen befördert und dort dem wartenden Mob überlassen.

Er wurde aufs schwerste misshandelt, mit Fäusten, Riemen und Stahlruten traktiert. Zum Schluss wurde er aufs Dach eines Geräteschuppens geworfen. „Als ich dort lag und die Menge lästern und toben hörte, erfüllte mich trotz aller körperlichen Mattigkeit ein tiefer Friede und ein großes Mitleid mit den von Dämonen gehetzten Menschen, für die ich von Herzen beten konnte“, berichtet von Jan später.

Der Pfarrer brach bewusstlos zusammen und wurde von beherzten Helfern ins Rathaus getragen und vor weiteren Übergriffen bewahrt. Er kam vier Monate in Untersuchungshaft und durfte danach nicht mehr in Württemberg Pfarrer sein. Er und seine Familie fanden in einem evangelischen Heim in Bayern Zuflucht. Ein Jahr nach der Predigt wurde von Jan vom Stuttgarter Sondergericht wegen Verstoßes gegen den Kanzelparagrafen und das Heimtückegesetz zu einem Jahr und vier Monaten Gefängnis verurteilt.

Nach Intervention des Landesbischofs und der Kirche wurde er nach sechs Monaten auf Bewährung entlassen. Er wurde 1943 von der Wehrmacht als 46-Jähriger eingezogen und an die Ostfront geschickt. Trotz schwerer Kriegserlebnisse und Krankheit überlebte er den Krieg und kehrte 1945 zu seiner Gemeinde nach Oberlenningen zurück.

Bemerkenswert ist, dass er nach dem Krieg nie gegen seine Peiniger aussagte und sie nur als  „Demonstranten“ bezeichnete, weil er sich sich rächen wollte.

„Von Jan-Weg“ in Gerhausen

Er wird als bescheidener Mann beschrieben, der nie Aufhebens wegen seiner Predigt oder seinem Schicksal gemacht habe. Julius von Jan, der sich zeitlebens dem schwäbischen Pietismus verbunden fühlte, ist 1964 in Korntal verstorben. An die Familie von Jan erinnert in Gerhausen heute nur noch ein Verbindungsweg zwischen Markbronner Straße und Gartenstraße, der von Jan-Weg. Er wurde 1955 zu Ehren des ersten ständigen Pfarrers in Gerhausen, Albert von Jan, so benannt.

Der hatte über 30 Jahre lang in Gerhausen gewirkt und in dessen Amtszeit fiel der Neubau der Kirche in der Schulstraße. Die Geschichte und das Schicksal Julius von Jans waren in Gerhausen lange Zeit nicht bekannt. Der Ehrentitel „Gerechter unter der Völkern“ wird nichtjüdischen Einzelpersonen zuerkannt, die während der NS-Diktatur ihr Leben für Juden eingesetzt haben.

Erinnerung in Oberlenningen

In Oberlenningen wird die Erinnerung an Julius von Jan gepflegt. Das Gemeindehaus und ein Platz sind nach ihm benannt, an der Kirche hängt eine Gedenktafel. Anfangs des Jahres sind die Kirchengemeinden Brucken, Unterlenningen und Oberlenningen zur Evangelischen Julius von Jan Kirchengemeinde fusioniert. Aufgrund der Verleihung wird es voraussichtlich im November eine Gedenkveranstaltung mit Beteiligung des Oberkirchenrats und des Zentralrats der Juden geben.

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