Kindheit Der erste Kindergarten

mp 31.08.2018

Meine eigene Kindergartenzeit begann wohl Ende 1945, vielleicht auch Anfang 1946, wodurch eine neue Zeit für mich anbrach. Eigentlich hatte ich dort nicht hin gewollt, da ich viel lieber zu Hause geblieben wäre, um auf unserem Grundstück allein herum zu spielen und vor mich hin zu träumen. Intensives Zureden jedoch brachte mich schließlich soweit, dass ich mich schließlich überwand und in das Unvermeidliche schickte.

Nun war also angesagt, täglich in den Kindergarten zu pilgern. Durch die Eingangstüre gelangte man in eine Art Hausgang, von dem eine Türe nach links und eine nach rechts zu den beiden Gruppenräumen führte. Im linken Raum, zur Karlstraße hin, war die Gruppe der Tante Rosa Kuhn, im rechten, zur Ach hin gelegenen, die von Tante Herta Rauscher untergebracht, zu der ich gehörte.

Als erstes wurde mir beigebracht, mich, wie die anderen Kinder auch, des Morgens zum Begrüßungsritual in einer Reihe aufzustellen, um an Tante Herta vorbei zu defilieren. Die Mädchen machten einen Knicks, uns Buben ward eine als „Diener“ bezeichnete Klappmesser-Verbeugung abgefordert.

Die Knabenaborte lagen nach hinten hinaus, gen Nordosten zu. Das kleine Geschäft war in eine an der Wand befestigte, zu allen Körpergrößen passende, schräg nach unten verlaufende Dachrinne zu entrichten. Ich bin dort immer ganz besonders ungern hingegangen, weil eine zum Hof des Altersheims führende Türe zu Lüftungszwecken stets geöffnet war und sich in diesem Hof meist ein oder zwei, wohl zum Hausschlachten bestimmte große Schweine herumtrieben. Die angebrachte Sicherung gegen das Eindringen dieser Untiere, eine schräg in der Türöffnung lehnende Dachlatte, wurde von mir als keineswegs ausreichend empfunden, so dass ich beim Aufsuchen dieses Ortes jedesmal größte Ängste auszustehen hatte. Auf die Idee, mich der Kindergärtnerin diesbezüglich anzuvertrauen, wäre ich nie gekommen.

Hin und wieder war man im Hof, dem bis heute bestehenden Areal zwischen dem Spital und Bolegs Haus (Karlstraße 23). Dort gab es zwei Sandkästen sowie – bis heute - einen überdachten Bereich mit innen umlaufender Sitzbank, was es ermöglichte, bei entsprechender Witterung dort zu sitzen, um von Tante Herta beschäftigt zu werden. Auch Kasperle-Theater wurde aufgeführt. Hinter einem Sichtschutz gab sich die Tante alle Mühe, eine Kasperle-Figur auf der Oberkante dieser Abdeckung ihre Faxen machen zu lassen. Ein Holz-Lkw (Kipper), milde Gabe von Außenstehenden vermutlich, spielte dabei eine nicht unwesentliche Rolle.

Am Nikolaustag war alljährlich ein Respekt einflößender Mann mit einem offenbar schweren Sack auf dem Rücken aufgetaucht und wurde uns von den Kindergärtnerinnen als Nikolaus vorgestellt.

Nachdem dieser in seinem mitgeführten schwarzen Buch offenbar keine Namen irgendwelcher Übeltäter finden konnte, las er die Namen der braven Kinder daraufhin aus seinem goldenen Buch vor, zu meiner Erleichterung auch den meinigen. Geschenke hatte dieser Nikolaus wohl keine dabei. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, jemals eines erhalten zu haben. Man war schon froh, dass man nicht im schwarzen Buch gestanden hatte.

Die Kindergarten-Weihnachtsfeiern, regelmäßig am vierten Advent in der nahe gelegenen Evangelischen Stadtkirche abgehalten, sind mir, des überwältigenden Eindrucks wegen, bis heute in Erinnerung: Die in feierliches Dunkel gekleideten Menschen, die vielen Kerzen an den beiden als riesig empfundenen, am Spitzbogen des Chores stehenden Weihnachtsbäumen, der kräftige, durch die Orgel verstärkte Klang der Weihnachtslieder und natürlich die prall gefüllte Papiertüte, die jedem Kind als Geschenk überreicht wurde. Letztere hatte, außer den üblichen Äpfeln und Walnüssen, auch einige wenige Holzelemente im Kleinstformat enthalten, die man zu winzigen Häuschen und diese wiederum zu einem Dörfchen zusammensetzen konnte. Auch drei, vier kleine Tiere, von profilierten Holzringen abgesägt, waren darunter.

Einmal kamen die Kinder des Machtolsheimer Kindergartens zu Besuch, mit denen eine Art Polonaise „getanzt“ wurde: Buben und Mädchen standen sich gegenüber, hielten sich an den Händen und bildeten so, nebeneinanderstehend, einen Tunnel, durch den sich das Paar am einen Ende dann hindurchzwängen musste, um am anderen Ende wieder Tunnelhaltung anzunehmen, so dass sich der Tunnel in linearer Richtung langsam weiterbewegte.

Gegen Ende der Kindergartenzeit wurde, in Anwesenheit der Eltern wie auch mehrerer wohlmeinend lächelnder Insassen des Spitals, von uns Kindern und unter maßgeblicher Mithilfe der, die einzelnen Szenen ankündigenden und erklärenden Tante, eine Art Theaterstück aufgeführt. Ich, als der vermeintlich Kräftigste, stellte in einer Szene einen Bauern dar, der ein verirrtes Häschen über eine liegende, einen Gartenzaun vorstellende Leiter hinüber zu wuchten hatte. Das Häschen wurde von einem Mädchen aus der jüngeren Gruppe verkörpert und hatte sein Gewicht. Ich muss meinen Auftritt mit Bravour hinter mich gebracht haben, denn ich galt seitdem lange Zeit als der Stärkste meines Jahrgangs. Ein Ansehen, das ich mir bis zum Ende meiner Schulzeit erhalten konnte.

Im Sommer 1948 wurde unsere Gruppe auf dem damals noch weitgehend unbebauten Rucken von der Fotografin Helene Mayer-Kästlen („Kästles-Hel“) abgelichtet. Tante Herta in der Mitte der Gruppe, Tante Erna rechts außen.

Soweit meine Kindergarten-Erinnerungen. Es war trotz der Einfachheit der Verhältnisse und ohne den Luxus, der die heutigen Kindergartenkinder umgibt, eine, wenn auch durch die verblassende Erinnerung wohl zusätzlich verklärte, schöne Zeit.

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